Ian Kershaw: Das Ende
02.12.2011
Anatomie einer Selbstzerstörung
Es ist, hat Ian Kershaw kürzlich in einem Interview gesagt, die letzte große Frage, die ihn noch umgetrieben hat: Warum eigentlich hat Nazi-Deutschland so verbohrt durchgehalten bis zur totalen Niederlage? Dieser Frage – oder vielmehr ihrer Beantwortung – hat der britische Historiker, der vor einem guten Jahrzehnt mit seiner zweibändigen Hitler-Biografie Maßstäbe gesetzt hatte und einem breiten Publikum bekannt geworden war, seine umfangreiche Studie Das Ende gewidmet. Es ist auch, hat er weiter erklärt, sein letzter Beitrag zur NS-Forschung. Von PIEKE BIERMANN
Wenn es nach den Alliierten gegangen wäre, hätte der Zweite Weltkrieg Weihnachten 1944 ein Ende gehabt. Nach Stalingrad im Januar 1943 und erst recht seit D-Day im Juni 1944 konnte auch jeder deutsche »Volksgenosse« sehen, dass »seine Soldaten« fortan vor allem den Rückwärtsgang einlegen mussten. Und zwar nicht mehr nur aus dem Osten, sondern aus allen Richtungen, in die sie in den Jahren zuvor ihre Terrorspur gezogen hatten.
Aber der Krieg dauerte vier Monate länger, als die britischen und amerikanischen Strategen geplant hatten. Warum gab dieser Kriegsgegner nicht auf, warum musste dieses Durchhalten wider alle Vernunft bis in den Untergang sein?
Die Frage wurde immer wieder gestellt, die Antworten darauf sind bisher unbefriedigend: zumeist durchsichtige Selbstentlastungsversuche, blanker Revisionismus oder kurzatmige Psycho-Mystifizierungen à la »Dämon Hitler«. Jetzt hat sich Ian Kershaw, einer der Doyens der internationalen NS-Forschung, ihrer angenommen. Das Ende seziert die Zeitspanne vom gescheiterten Hitler-Attentat im Juli 1944 bis zur Unterzeichnung der Kapitulationserklärung Anfang Mai 1945.
Herrschaftsstrukturen und Mentalitäten
In diesen zehn Monaten, der grausamsten und blutigsten Periode, sterben 2,6 Millionen deutsche Soldaten, so viele wie in den vier Vorjahren zusammen – aber es gibt praktisch keine Befehlsverweigerung, gar Widerstand von Offizieren gegen Generäle. Bei Bombenangriffen werden 400.000 Menschen getötet, doppelt so viele verletzt, Millionen obdachlos – aber es kommt weder zu Massenaufständen noch zu Tyrannenmord. Die SS kann sogar noch unbehelligt Hunderttausende KZ-Insassen in Todesmärschen quer durchs Land hetzen. Wie ist das möglich?
Kershaws Antwort liegt in der Analyse von »Herrschaftsstrukturen und Mentalitäten«. Er untersucht die »Anatomie einer Selbstzerstörung« in Form einer Erzählung ihrer komplexen menschlichen Dimensionen. Dazu gehören zu mörderischer Hochform auflaufende Gauleiter und Standgerichte mit Fließband-Todesurteilen gegen Deserteure ebenso wie Himmlers Mordbefehle gegen »Volksschädlinge« und Hitlers amokartige Vernichtungsbefehle gegen das eigene Volk ab Sommer 1944 – kurz: der gesamte auf Terror gegründete Machtapparat. Dazu gehören eine wider alle Ehre strammstehende Generalität, die später behaupten wird, Roosevelts Forderung nach bedingungsloser Kapitulation habe ihr keine Chance gelassen, ihr »Gesicht zu wahren«, und Beamte, die jede noch so unmenschliche Pflicht »treu« erfüllen, ebenso wie eine Zivilbevölkerung, die zwischen mehreren realen Ängsten klemmt – vor den Bomben, vor dem Terror der eigenen Leute, vor »dem Russen« und seiner Rache.
Grandiose, lebendige Erzählkunst
Kershaw verschränkt kleine Ereignisse mit größeren Strukturen, fokussiert den Blick auf deutsche Innenansichten, klopft aber auch äußere Faktoren auf ihre Wirkmacht ab, immer auf der Suche nach dem, was diesen Krieg so lange nicht enden ließ: Zeitverluste durch die persönlichen Reibereien zwischen Montgomery und Eisenhower, zum Beispiel. Oder die Bombenangriffe, die explizit zur Demoralisierung gegen zivile Ziele geflogen wurden und sich letzten Endes ebenso als kontraproduktiv, weil kriegsverlängernd erwiesen wie die Gewaltorgien der Roten Armee auf ihrem Marsch nach Westen.
Das Ende ist grandiose, lebendige Erzählkunst in – auch in der deutschen Übersetzung – glasklarer Prosa. Der Inhalt dieser gut 500 Seiten (die übrigen 200 gehören der akribischen Quellendokumentation) ist durchaus schwere Kost. Deutsche Hausmannskost, sozusagen: Es ist unsere, die deutsche »Kultur«, die das hervorgebracht hat. Aber sie ist keineswegs unverdaulich, sondern im Gegenteil reiner Nähr- und Lehrstoff für die Gegenwart. Kershaws Antwort auf die Frage nach dem Warum sagt im Kern: Nichts an all dem war unfassbar, gar übermenschlich – es war von Menschen gemacht. Es wurde möglich aufgrund spezifischer – in diesem Fall deutscher – structures of rule and mentalities. Wer Wiederholung verhindern will, muss deren Mechanismen kennen, um früh genug in die Speichen greifen zu können.
Eine erste Version dieser Rezension wurde am 23. November 2011 bei Deutschlandradio Kultur veröffentlicht, ein Gespräch mit Pieke Biermann ist als Audio on Demand abrufbar.
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