Merlin Schumacher: Der Popkulturkalender
16.12.2011
Weiter als unendlich verknüpft
Der Kulturwissenschaftler Merlin Schumacher legt mit Der Popkulturkalender. Jeden Tag ein Häppchen Popkultur ein Popnerdkompendium vor, das an Faktenwissen seinesgleichen suchen dürfte. Und das, obwohl die Fakten eigentlich nur Verzierung sind. Eine gnadenlos subjektive Rezension von JAN FISCHER.
Zugegeben: Der Autor vom Popkulturkalender sitzt in unserem gemeinsamen Büro kaum fünf Schritte von mir entfernt. Trotzdem ist dies keine Gefälligkeitsrezension: Ich habe schon gute Freunde mit schlechten Texten ohne mit der Wimper zu zucken verrissen, und unsympathische Menschen mit guten Texten gelobt, obwohl ich ihnen lieber einen reingewürgt hätte: Ich behaupte nicht, objektiv zu sein. Aber ich bin subjektiv aus den richtigen Gründen, hoffe ich: Weil ich als Mensch, und als Rezensent – vorausgesetzt, das ist nicht sowieso dasselbe – finde, dass sich ein Blick in den Popkulturkalender lohnt. Soviel nur kurz als Disclaimer vorweg damit das aus dem Weg ist. Die eigentliche Geschichte, Besprechung, wie man es eben nennen möchte, beginnt mit diesen NEON-Spinoff-Büchern namens Unnützes Wissen.
THIS! IS! SPARTA!
Viele meiner Freunde haben diese Bücher neben der Toilette liegen, und sie funktionieren ungefähr genauso wie Zeitschrift selbst: Man blättert rein, liest ein bisschen was, denkt: »Aha. Interessant«, und wenn man sich fünf Minuten später fragt, was man eigentlich gelesen hat, hat man es vergessen.
Der Popkulturkalender tut, als würde er auch so funktionieren: Jeder Tag ist Jahrestag von irgendetwas, und im Popkulturkalender steht’s, mit jeweils kleinem begleitendem Text dazu. Eine zufällige Auswahl: 22. Mai: Veröffentlichung des Pac-Man-Arcadeautomaten in Japan 1980, 9. September: Schlacht bei Thermopylen 490 v. Chr., 25. April: Erstveröffentlichung des Romans Robinson Crusoe 1719, usw., usf., 367 Tage lang (Schaltjahr plus Bonustrack).
Merlin Schumacher
Marty! We´ve gotta get back to the future!
Ein kurzer Blick zurück: Der Popkulturkalender entstand, sagt Schumacher auf einer Lesung aus seinem Buch, eigentlich als Facebook-Format: Es war der Jahrestag von irgendetwas, der Entdeckung des Lasers vielleicht, oder der Geburtstag von Ozzy Osbourne, und Schumacher postete es. Und am Tag darauf einen anderen Jahrestag. Und noch einen. So lange, bis Facebook zu klein wurde für die Texte, die er dazu schrieb, und Der Popkulturkalender ein Blog wurde.
Und schlussendlich dann ein Buch, und anfangs war er genau wie diese Unnützes Wissen-Bände: Faktensammlungen, im Blog gab es noch ein paar Videos dazu, interessant, ja, aber im Grunde eher nutzlos. Solange, bis Schumacher begann, seine Diplomarbeit zu schreiben – Der Popkulturkalender ist die eine Seite davon, die andere ist eine – nicht veröffentlichte – Reflektion darüber.
Luke, I am your father
Wir spielten oft Guitar Hero in dieser Zeit, in Schumachers Wohnzimmer, das vollgemüllt war mit Büchern von Medien-, Zeichen-, und Kulturtheoretikern, und während dieser Zeit entwickelte sich die Theorie, die These, dessen probeweise Bestätigung Der Popkulturkalender ist. Dass populäre Kultur und Popkultur unterschiedliche Dinge sind: populäre Kultur ist die massenweise produzierte und konsumierte Kultur. Popkultur, das sind die Sätze, Bilder, Szenen, die sich durch die Medien, durch die Kulturprodukte hindurch tradieren, die immer wieder aufgegriffen werden.
Einfach gesagt: Der Satz »Ich bin dein Vater, Luke« ist nicht nur ein Satz, er lässt einerseits ein ganzes Epos entstehen, wenn er gesagt wird, andererseits aber auch einen Rattenschwanz an Weiterführungen, Parodien, Varianten: Popkultur ist, was bleibt, was immer wieder hervorgeholt wird. Noch anders gesagt: Dass das Pferd aus Rambo III dasselbe ist wie im dritten Teil der Indiana-Jones-Reihe: So etwas steht in Unnützes Wissen, aber es würde nicht im Popkulturkalender stehen. Dafür allerdings Shakespeares Sturm oder ein altes russisches Volkslied namens Korobeiniki, den meisten Menschen besser bekannt unter dem Namen Tetris A-Thema.
It´s all just bricks in the wall
Das ist die Theorie, die These, um die sich Der Popkulturkalender rankt, obwohl sie nie explizit ausgeführt wird: Dass bestimmte Kulturprodukte zu Popkultur werden können, unabhängig davon, wo sie herkommen: Solche nämlich, die immer wieder aufgegriffen werden, die immer wieder weitergeführt werden. Ein wenig erinnert das an die Mem-Theorie von Richard Dawkins, die besagt, dass Meme – kleinste Gedankeneinheiten – sich durch Kommunikation vervielfältigen und entwickeln.
Und was den Popkulturkalender nun von Bänden wie Unnützes Wissen unterscheidet, ist, dass er keine Sammlung von zufälligen Fakten und Daten ist, sondern eine Sammlung dieser Stückchen, dieser Meme: Der kleinen Stückchen, aus denen immer wieder Filme, Musikstücke, Bücher usw. usf. zusammengesetzt werden, oder die zumindest darin vorkommen: Der Popkulturkalender möchte – und ist es in weiten Teilen auch – eine Sammlung dieser Bausteine sein, wenn möglich sogar bis zu ihrer Herkunft vordringen.
Stop! Hammertime!
Selbstverständlich ist dafür irrsinnig nerdiges Popkulturfaktenwissen erforderlich, und das hat Schumacher: In den kleinen Texten – selbst oft Variationen des jeweiligen Themas – spannt er teilweise geradezu halsbrecherische Verlinkungen quer durch Kulturen, Zeiten, Medien, um am Ende an einem Punkt herauszukommen, der wahrscheinlich selbst der härteste Fan so noch nicht kannte. Der wirklich interessante Punkt am Popkulturkalender sind aber gar nicht die Fakten bzw. die Faktensammlung; der interessante Punkt ist auch nicht die Sortierung nach Daten, nach Jahrestagen: Beides ist nur Mittel zum Zweck.
Der interessante Punkt ist, dass Schumacher diese kleinsten Bausteile der Popkultur benennt und auffaltet, sie zurückführt, und damit im Grunde zeigt, wie komplex das Netz gesponnen ist, das jeden Tag um uns herum ist, das uns so selbstverständlich ist, dass wir es kaum noch wahrnehmen. In Der Popkulturkalender nimmt Schumacher es wahr, und zeigt, dass es sich lohnt, die Augen beim Fernsehen auch mal offen zu halten. Oder sich zumindest einmal zu fragen, warum genau die Handlung von Der König der Löwen der von Hamlet so eigenartig ähnlich ist. Das ist der eigentliche, der schöne Effekt des Buches: Man kann mit ihm einen Schritt zurücktreten aus der Popkulturverwertungs- und Wiederverwertungsmaschine, und den Blick ein wenig langsamer, weiter schweifen lassen über die schillernden Netze der Popkulturverknüpfungen. Natürlich ist Der Popkulturkalender in dieser Hinsicht nicht komplett – wie könnte er auch? Aber es ist ein beispielhafter Anfang, und nach der Lektüre fällt einem das Weitergehen, das Selbersehen, fällt einem der Weg in Richtung der Unendlichkeit der Verknüpfungen, der Varianten, der Vertauschungen, Verdrehungen, der Weiterspinnereien und darüber hinaus vielleicht ein wenig leichter.
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