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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 13:52

Thierry Paquot: Die Kunst des Mittagsschlafs

27.01.2012

Anarchischer Moment der Glückseligkeit

Es gab zwar Zeiten, da hatte mittags in deutschen Mietshäusern Ruhe zu herrschen. Zwischen eins und drei wurde nicht gespielt, weder Ball im Hof noch Klavier im Haus. Heute ist Mittagsschlaf etwas, das die jüngsten Mitbürger müssen (meistens gegen kreischenden Widerstand) und nur die älteren dürfen (oft mitleidig belächelt). Für alle anderen gilt: Schlafen kann man, wenn man tot ist, wir haben Leistungsgesellschaft. Frühe Lärmschutzverordnung, lasterhafter Müßiggang – hierzulande scheint die Siesta von einem unfrohen Geist beseelt. Thierry Paquot treibt ihn mit Die Kunst des Mittagsschlafs genüsslich aus. Von PIEKE BIERMANN

 

Die Mittagszeit hat es in sich. In der antiken griechischen Mythologie brachte just dann der lüstern-wüste Pan samt Nymphen und Flötenspiel die Hirten in Wallung, wenn nicht gleich in – daher der Name: – Panik. Azteken erklärten mittags zur probaten Zeit für Opfergaben. Den antiken Römern waren die meridies, die Tagesmitten, so suspekt, dass sie ein eigenes, passivisches Verb daraus ableiteten: meridiari. Es empfahl, locker übersetzt, die Mitte des Tages gefälligst passiv zu verbringen. Kurz, es ist eine »Zeit der Dämonen«, durch die Jahrtausende, über die Kontinente hinweg und besonders in Gegenden, in denen die Sonne etwas Gnadenloses hat. Zumindest im Zenit. Mittags nämlich. In der sexta hora, der sechsten Stunde nach ihrem Aufgang.

 

Die altrömische Idee, dass der Mensch die am besten ohne eigenes Zutun – also vor allem ohne Arbeit – verstreichen lasse, hat sich erhalten und ihrerseits sprachlich manifestiert: in der Siesta. In der spanischsprachigen Welt ist sie bis heute in Dienstplänen, zumal von Behörden, verankert. Gehalten wird sie aber auch andernorts, selbst im puritanischen Norden, wo man gern hochmütig die Nase über vermeintlich mangelnden Arbeitsethos im Süden rümpft und Müßiggang für aller Laster Anfang hält. Um diese »Aus-Zeit«, den mehr oder weniger gedehnten Augenblick der Lösung aus aller sozialen Betriebsamkeit geht es dem Pariser Urbanisten Thierry Paquot in seinem Essay, der im französischen Original L'art de la sieste heißt. Er begreift ihn als »Schlemmerei«, als Nachschlag zum viel sachdienlicheren nächtlichen Schlaf. Die mittägliche Ruhephase, die man schlafend, dösend, tagträumend, sinnend, vielleicht auch mit Sex verbringt, ist eine keineswegs sinnlos vergeudete, sondern »ganz und gar ausgefüllte Leerzeit«, ein »glückliches Beben« (Gaston Bachelard). Kurz: ein kreativer, anarchischer Moment der Glückseligkeit.

 

Charme des Verbotenen

Dass der Mensch der Zeit seine berechnende Willkür übergestülpt hat, ist noch gar nicht so lange her. Mechanische Uhren gibt es erst seit Mitte des 14. Jahrhunderts. Die Abstraktion der individuellen und natürlichen Zeit ist zwar eine urbane Erfindung, sie hat die Unterwerfung unter künstliche Takte – liturgische, später industrielle – erst ermöglicht. Dank ihr bekommt die reine Muße etwas unerhört Subversives. Trotzdem ist die mittägliche Ruhe kein Phänomen anachronistischen Landlebens und mit ihm verblichen, weil im modernen Großstadtlärm ohnehin keine echte Panflöte zu hören wäre, sondern allenfalls die irgendeiner »Illi Intifada«. Im Gegenteil. Städter leben immer schon unter mehreren Zeitdiktaten gleichzeitig, und die Takte werden mit jeder neuen Eroberung virtueller Zeit-Räume enger. Gerade hantieren ausgeschlafene Werbefirmen mit der Illusion, man brauche als von fremden Zeit-Takten gebeutelter Konsument nur digitales Home-TV-Equipment, und schon habe man die Verfügungsgewalt über die eigene Lebenszeit zurückerobert. »Geht doch!« grinst Christoph Waltz dazu.

 

Die Kunst des Mittagsschlafs ist ein federleichter Galopp durch Jahrhunderte von Bilder- und Denkwelten, durch Physisches und Metaphysisches, Künste und Wissenschaften. Paquot setzt alte Gemälde – die wie kostbare Miniaturen auch luftig auf einzelnen Seiten zwischen die Texte gefügt sind – in Beziehung zu Mythen, Gedanken, Erkenntnissen. In Frankreich war sein Buch schon 1998 erschienenen. Démodé ist es trotzdem keinesfalls, auch wenn sich das eine oder andere seitdem verändert hat. Mittlerweile haben gerade in den vom Leistungswahn geprägten Ländern gewiefte Bosse längst entdeckt, dass power naps die Produktivität ihrer Untergebenen ungemein steigern können. Hier und da gibt es schon Salons, in denen man mittags pausieren kann, mit und ohne Massage. Und immer neue medizinische Studien weisen nach, dass regelmäßige Nickerchen buchstäblich herzlich gesund sind. Drolligerweise wird gleichzeitig in Spanien wieder einmal ernsthaft erwogen, die Siesta abzuschaffen, im Namen der Globalisierung.

 

Paquot erwähnt derlei vernunftgesteuerte Ehrenerweise an den Mittagsschlaf, aber er hat nichts weniger im Sinn, als diesen Moment der Muße für kapitalistische Zweckrationalität zu retten. Er spielt vielmehr die Dialektiken von Antrieb und Pause, Rhythmus und Takt, Notwendigem und Verschwenderischem an einem Aspekt des Menschenlebens durch, bei dem Natur und Kultur, Prosa und Poesie so friedlich koexistieren wie kaum sonst: dem Schlaf. Er schweift ab – wie die Gedanken vorm genüsslichen Schlummer eben, und aus manchen ergibt sich en passant ein ganzer Katalog von Promotionsthemen für Geistes- wie Naturwissenschaftler, die Paquots Meinung nach das Thema bisher sämtlich vernachlässigt haben. Vor allem aber will er die Siesta als Kunst wahrgenommen wissen, als eine, deren Reiz gerade darin besteht, dass sie nur mit dem »Charme des Verbotenen« existieren kann. 

 

Eine erste Version dieser Rezension wurde am 2. Januar 2012 bei Deutschlandradio Kultur veröffentlicht, ein Gespräch mit Pieke Biermann ist als Audio on Demand verfügbar.

 

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