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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 13:53

Ulrich Kienzle: Abschied von 1001 Nacht

20.01.2012

Ein Reporter interviewt sich selbst

Der Arabische Frühling des Jahres 2011 zwinge uns, Abschied zu nehmen von Klischees, die unsere Vorstellung vom Nahen Osten zwei Jahrhunderte lang geprägt haben, so das Fazit eines Erinnerungsbuchs mit dem griffigen Titel Abschied von 1001 Nacht, das der bekannte Fernsehjournalist Ulrich Kienzle zu seinem 75. Geburtstag vorgelegt hat. Von PETER BLASTENBREI

 

Und Kienzle, so scheint es, muss es wissen, denn er war in den 1970er und 1980er Jahren lange Jahre Nahost-Korrespondent der ARD mit Sitz in Beirut und dann in Kairo. Zu seinen Interviewpartnern zählten Gaddafi, Sadat, Saddam Hussein und die meisten prominenten libanesischen Politiker dieser Zeit. Hellhörig macht zudem die immer wieder aufblitzende milde Medienschelte, denn Kienzle war ja in entscheidenden Jahren selbst eine Schlüsselfigur der deutschen Nahostberichterstattung.

 

Das Buch hat mit fünf der 16 Kurzkapitel einen eindeutigen Schwerpunkt im Libanon und besonders im libanesischen Bürgerkrieg der Jahre ab 1975. Am Rand gibt es etwas Libyen, eine kräftige Portion Ägypten, ein wenig Syrien, ein wenig Irak und einen Rundumschlag über die arabische Halbinsel von den Golfemiraten bis zu den Saudis. Die arabischen Revolutionen und Revolten von 2011, das sei hier vorweggenommen, werden nur im letzten Kapitel gestreift – allerdings ist die Darstellung der 1970er und 1980er Jahre in allen Kapiteln oft deutlich vom Wissen des Jahres 2011 gelenkt.

 

Kienzle war meiner Rechnung nach der erste, der Gerhard Konzelmann selig bei einem seiner notorischen Plagiate erwischte, 1985, noch vor Gernot Rotter. Wer den Abschnitt über Kienzles erste Zeit in Beirut aufmerksam liest (S.58-61), kann noch einiges mehr über Konzelmanns unsaubere Arbeitsmethoden erfahren – und vielleicht auch etwas über den Anlass für die Abneigung des jüngeren Kollegen. Denn dass Kienzle wegen dieser wohl hauptsächlich persönlichen Distanz dem Ungeist der traditionellen deutschen Nahostberichterstattung, der Erbschaft der Konzelmanns oder Scholl-Latours, intellektuell wirklich so fern stünde, lässt sich nicht behaupten.

 

Die Probe ist schnell gemacht. Der frühere zyprische Staatspräsident Erzbischof Makarios – nicht gerade ein Araber – war ein »verschlagener gerissener Machtpolitiker«, Muammar al-Gaddafi 1974 »raffiniert, unberechenbar und schlau« und 2011 ein »gewöhnlicher arabischer Diktator«, Hafiz al-Assad der »taktisch raffinierteste arabische Herrscher«, der »seine Rivalen reihenweise ermorden ließ«, Gamal Abd al-Nasser »intrigant, misstrauisch und skrupellos«, während der Emir von Katar sich als »schlauer Fuchs« erweist und bei den »Gerontokraten« in Saudi-Arabien »Finsteres Mittelalter« herrscht. Letzteres mit einem Artikel aus Vanity Fair als Beleg.

 

Bei Kienzle überwiegt, auch sonst nicht zu übersehen, eine fatale Neigung zur groben, holzschnittartigen Personalisierung von Politik. Machtpolitische Strukturen über Familie und »Clan« hinaus, außenpolitische Zwänge (wie etwa die israelische Bedrohung des Libanon) oder wirtschaftliche Probleme sind, freundlich ausgedrückt, nicht seine Sache. Dass er das komplexe politische System des Libanon (»Republik der Mafiosi«) und dessen Weg in den Bürgerkrieg ebenso wenig verstanden hat wie die schnell wechselnden Fronten im Krieg oder andere Krisen in der arabischen Welt, liegt damit auf der Hand. Und man gewinnt den Eindruck, dass ihn das eigentlich auch gar nicht so fürchterlich interessiert hat.

 

Ulrich Kienzle
Foto: Ferdinand Nonnenbroich Ulrich Kienzle
Foto: Ferdinand Nonnenbroich

Don Quichotte und Kara ben Nemsi

Auch an anderen Stellen erweist sich Kienzles Buch als durch und durch personalistisch, dann nämlich, wenn er seinem Hang zu Anekdoten und persönlichen Befindlichkeiten freien Lauf lässt. So erfahren wir viel über den Werdegang des jungen Fernsehjournalisten Kienzle in diversen deutschen Sendeanstalten weit ab von Arabien und viel über Eigenheiten seiner damaligen Kollegen. Einmal im Nahen Osten angekommen, dürfen wir mitrechnen, was man im korrupten Libanon des Jahres 1975 bezahlen musste, damit die Luftpost nach Stuttgart abgefertigt wird, an welchen intimen Stellen ihn Saddam Husseins Geheimpolizei vor dem famosen Interview untersucht hat oder welche libanesischen Weinmarken unser Protagonist bevorzugt.

 

Und nicht zuletzt dürfen wir bewundern, mit welchem Mut und welcher Geistesgegenwart er das deutsch-arabische Fernsehteam immer wieder aus brenzligen Situationen rettete. Manchmal gibt es aber auch einfach Unsinn zu lesen, wie den »prekären Vielvölkerstaat Syrien« (S.149) oder das »Sieben-Millionen-Volk der Israelis« 1977 (S.258).

 

Abschied wovon?

Kienzle hat sich in seinem jüngsten Buch viel vorgenommen: er will die Araber verstehen lernen und den Abschied von alten Klischees befördern. Mit beidem hat er sich übernommen. Zwar fehlt ihm, oberflächlich betrachtet, die grundsätzliche Boshaftigkeit vieler deutscher Nahostkorrespondenten gegenüber Orientalen und wohltuenderweise auch deren irrationale Islamfixierung.

 

Doch auch hier drängen untaugliche alte Denkmuster nach oben, wenn die Analyse ausbleibt: Israel ist selbstverständlich auch bei Kienzle eine Demokratie, Ägypten eine Diktatur und die Leute von der PLO sind Terroristen. Arabische Politiker sind, siehe oben, hinterlistig und grausam, ihre Politik ist von kleinlichen Intrigen geprägt und für Europäer unverständlich, »irrsinnig« – wie Kienzle im libanesischen Bürgerkrieg oft genug betont. Was bleibt, ist viel human touch für den, der’s mag, aber wenig echtes Verständnis für die Araber.

 

Lesungen mit Ulrich Kienzle:

30.01.12 Hamburg, Thalia-Theater

09.03.12 Berlin, Dahlemer Autorenforum, Ethnologisches Museum

13.03.12 Cloppenburg, Stadthalle

15.03.12 Bad Nenndorf, Nenndorfer Buchhandlung

26.04.12 Weiden, Weidener Literaturtage

 

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