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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 13:58

Niall Ferguson: Der Westen und der Rest der Welt

17.02.2012

Aufstieg und Fall einer Macht

Der Untergang des Abendlandes wird allseits beschworen. Weniger interessiert sein Aufstieg. Eben dort setzt der britische Historiker Niall Ferguson mit Der Westen und der Rest der Welt. Die Geschichte vom Wettstreit der Kulturen an. Statt in Untergangsstimmung zu verfallen schlägt er einen großen globalgeschichtlichen Bogen von der frühen Neuzeit bis in unsere heutigen Tage. Von JULIA MÜLLER

 

Eine Zeitreise durch ein halbes Jahrhundert Weltgeschichte unternimmt der Wirtschaftshistoriker Ferguson. Um 1500 begann die Vormachtstellung des Westens, zur damaligen Zeit überraschend, waren doch die Ming-Dynastie in China und das Osmanische Reich im Nahen Osten Hochkulturen und dem Westen in vielen Bereichen weit voraus. Wie konnte es also zu diesem Phänomen kommen?

 

Ferguson ist als Dozent in Oxford und in Harvard tätig. Entsprechend seiner transatlantischen Tätigkeit definiert er den zentralen Inhalt seiner Studie: »›Der Westen‹ ist also viel mehr als eine geographische Bezeichnung. Der Begriff dient zur Beschreibung einer Reihe von Normen, Verhaltensweisen und Institutionen, und die Grenzen dieses Bildes sind extrem verschwommen.« Nach Abarbeitung seiner doch etwas schwammigen Definition stellt Ferguson eine gewichtige These auf: Für ihn ist der Aufstieg des Westens das bedeutendste historische Phänomen der zweiten Hälfe des zweiten Jahrtausends christlicher Zeitrechnung. Fergusons Motivation ist nicht nur wissenschaftliche Neugier, die Ursachen für dieses Phänomen zu entschlüsseln. Vielmehr geht es um exaktere Prognosen, wann der Untergang der westlichen Zivilisation zu erwarten ist. 

 

Sechs Killerapplikationen

Ferguson ist ausgewiesener Imperialismus-Experte. Auch in dieser Studie sind Imperien seine zentrale Maßeinheit, doch hier reicht ihm dieser Erklärungsansatz zur Vormachtstellung des Westens nicht aus, noch weniger lässt er den schlichten historischen Zufall gelten. Statt dessen führt er sechs Erklärungen – in seiner Terminologie »Killerapplikationen« an, die seiner Theorie nach bedingten, dass der Westen den Rest der Welt dominierte und nicht umgekehrt: der Wettbewerb zwischen miteinander konkurrierenden autonomen Körperschaften, die wissenschaftliche Revolution, der Rechtsstaat und die repräsentative Regierung, die moderne Medizin, die Konsumgesellschaft sowie die (protestantische) Arbeitsethik.

 

Diese Applikationen, die nach Ferguson erst in ihrer Kombination wirksam werden, fehlten um 1500 dem Rest der Welt. Erst viel später begannen asiatische Staaten, diese Anwendungen »herunterzuladen«. Dabei stellten sich vor allem die Wissenschaften, die Medizin, die Konsumgesellschaft und die Arbeitsethik für Chinas wirtschaftliche Entwicklung seit den 1950er Jahren als relevant heraus. Neue Anwendungen sind weder im Westen noch im Osten in Sicht. Jedoch weiß der Osten die »Killerapplikationen« momentan besser zu nutzen, Europäer sind schlicht die Faulpelze der Welt in punkto Arbeitsstunden.

 

Ferguson verfällt nicht in eine populistische Alarmstimmung. Sein Buch ist gut recherchiert, dies belegt der ausführliche Anhang des Buchs: Es finden sich nicht nur zahlreiche Literaturhinweise und Quellenangaben zu den einzelnen Kapiteln. Ein Orts- und Personenregister erleichtert das Querlesen einzelner Textstücke. Der nicht chronologische, sondern nach systematischen Gesichtspunkten ausgerichtete Aufbau des Buchs ist sinnvoll. Allerdings hätte das Buch durch eine Beschränkung an Fülle gewonnen: die Faktenreiche und die vielen Details bezeugen die Fleißarbeit des Autors, verhindern aber eine Konzentration auf das eigentlich Innovative des Buchs, den sechs »Killerapplikationen«. 

 

Konsumgüter als Schlüssel zum Erfolg

Die für Interpretationsspielraum offene Definition des Westens lässt Ferguson darüber reflektieren, ob nicht auch eine asiatische Gesellschaftlich westlich werden könnte. Dazu bedürfe es allerdings mehr als einer oberflächlichen Modernisierung der Gesellschaft, sondern ein wirkliches Durchdringen der Kultur. Ferguson beschreibt bildhaft die Attraktivität westlicher Kultur. Diese Durchdringung vermochte vor allem eine Anwendung. Die Konsumgesellschaft ist in Fergusons die »Killerapplikation« schlechthin, deren Anziehungskraft selbst kapitalismusfeindliche Gesellschaftsordnungen sich nicht entziehen vermochten. Die Auswahlmöglichkeiten an Konsumgütern vereinheitlichten letztendlich die ganze Welt. Auch in der Sowjetunion wollten die Menschen amerikanische Jeans tragen. Das Problem der Sowjetunion umreißt Ferguson ganz einfach: Das Zivilleben in der USA war spannender als bei den Sowjets. 

 

Zusammenbrüche der Zivilisationen

»Man sollte sich immer daran erinnern, dass die meisten Zusammenbrüche einer Zivilisation oder Kultur etwas mit Finanzkrisen und Kriegen zu tun hatten. Allen Beispielen, die wir in diesem Buch behandelt haben, gingen ein ernstes Ungleichgewicht von zwischen Einnahmen und Ausgaben und Probleme bei der Finanzierung der Staatsschulden voraus.« Nicht zwingend führen solche Krisen zu Zusammenbrüchen von Systemen. So brach der Westen nach der Finanzkrise 2007 nicht zusammen. Auch wenn eine Prognose zum Datum des Zusammenbruchs des Westens Fergusons Intention in der Einleitung war, bleibt er diese in seinem Schlußkapitel schuldig – wie könnte es auch anders sein. Dafür schildert er explizit Gefahren für den Fortbestand des Westens: Diese sieht Ferguson weniger im radikalen Islamismus oder einer anderen von außen kommenden Kraft, sondern vielmehr im mangelnden Vertrauen des Westens in seine Kraft und sein kulturelles Erbe. Insofern ist Fergusons Buch eine Streitschrift dafür, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Eben darin liegt die Stärke seiner Studie. 

 

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