Hilal Sezgin: Landleben
17.02.2012
Schafe, Hühner und ein Haus mit Garten
Hilal Sezgin tauschte modische Boots gegen Gummistiefel, städtisches Stubenhocken gegen ein Leben auf dem Land, mit Tieren, weitem Blick auf Wald und Wiese, mit Jahreszeiten. In Landleben. Von einer, die raus zog erzählt sie vom Abenteuer, im ganz persönlichen Glück anzukommen. Von MONIKA THEES
Sie ist eine, die »raus zog«, ein Stadtmensch, dem es zu eng wurde in den Häuserschluchten. Eine, die den Mut besaß, eine, die nicht die Entbehrung suchte, sondern ein bereicherndes Mehr. Hilal Sezgin hatte fast ihr ganzes Leben in Frankfurt verbracht, ein Studium abgeschlossen, einige Bücher und viele Artikel verfasst. Sie war gerade 36 geworden, freiberufliche Autorin ohne Präsenzpflicht im Büro und fest entschlossen, das umzusetzen, was als Traum schon lange ihre Sehnsucht nährte: ein Leben auf dem Land mit Schnee im Winter, mit Kuckucksrufen im Frühjahr, ein Haus mit Garten und Tieren, ein Landfrauenhaushalt mit Ernten, Einkochen und Pilzesammeln im Herbst.
»Wer keine Ahnung hat, hat Mut«, besagt das Sprichwort und Hilal Sezgins fehlendes Gespür für Risiko erwies sich als das Glück der Suchenden: Der Durst nach Grün, nach Platz und Weite war stärker als jedes »Aber«, das Glücksversprechen des Aufbruchs überwog die fade Sicherheit des altbekannten Frankfurter Einerleis: Starbucks, Kino und unverbindliche Geselligkeit. Heute, es sind schon über fünf Jahre ins Land gegangen, ist die Stadtflüchterin, die mit kühnem Schwung alle Zweifel und Bedenken außer Kraft setzte, dauerhaft wohnhaft und zu Hause am Rande eines 500-Seelen-Dorfs in der Lüneburger Heide – auf einem Hof mit Schafen, Ziegen, Hühnern, Gänsen und Katzen, insgesamt 60 Tieren an der Zahl.
Brennnessel und Giersch
Jede große Veränderung beginnt mit einem ersten Schritt, der hieß für Hilal Sezgin, ein Haus zu suchen: nicht zu einsam, nicht zu teuer, zunächst geeignet für den Sezgin’schen Single-Haushalt plus drei Katzen. Sie studiert Landkarten, Fahrpläne, erörtert Fragen des Renovierens und Restaurierens, versucht, potenzielle Nazihochburgen auszumachen, checkt die Nähe zu Universitätsstädten und besiegelt schließlich, nach etlichen Besichtigungen und langem Hin und Her, per Handschlag einen Vertrag mit Bio-Landwirt Christian, dem Vermieter ihres Vertrauens und eines Hauses, das ihren Vorstellungen sehr nahe kommt: ein Backsteinbau mit Giebelfenster, mit Wiese hinter der Terrasse, »auf der allerlei gedieh, am besten Brennnessel, Ampfer und Giersch«.
Frisch plant sie Einrichtung und Umzug, ordert Tische, Schränke und weiteres Mobiliar per ebay oder Ikea – und ebenso frisch und lebendig lesen sich die Episoden der glücklich verlaufenden, wenn nicht gar märchenhaften Metamorphose der einstigen Häuserwändestarrerin. In ihrem neuen Heim zwischen Kartoffel- und Rapsfeldern, Pferdewiesen und kleinen Wäldchen mausert sich die Zugezogene aus der Mainmetropole zur wetterfesten und handfest zupackenden Landfrau mit Sinn fürs praktisch Machbare. Mit tatkräftiger Unterstützung der dörflichen Gemeinschaft werden Zäune errichtet, Lämmer entbunden und der Schafstall ausgemistet. »Wie hast du eigentlich vorher in der Stadt überlebt?«, fragt Christian einmal. »Schlecht«, antwortet Hilal. Es ist ganz und gar nicht gelogen.
Hilal Sezgin
Foto: Ilona Habben
Janas Drillinge, Esmis Fuß und die drohende Deadline
Kein verklärtes »Zurück zu Natur« wird hier beschworen, kein verkrampft alternatives Leben in dogmatisch korrekter Strenge exerziert, Hilal Sezgin weiß um die Widersprüche und um die Illusion dessen, was gemeinhin als ländlich-bäuerliche Idylle nur noch Werbeplakate der Nahrungsmittelindustrie oder Tourismusbranche ziert. Agrarindustrie nennt sich die Massenproduktion im Stall und auf dem Acker, Monokultur und Zersiedelung zerstören Landschaft nebst Vielfalt, junge Leute flüchten in die Stadt. Und doch: Ruhe, Weite und Wetter haben ihren Reiz, bieten ganz real die Möglichkeit, ein wenig sinnlicher und unmittelbarer, mehr mit der Natur als gegen sie zu leben.
Hilal Sezgin erzählt von ihrem ganz persönlichen Glück, augenzwinkernd und selbstironisch berichtet sie von Fehlschlägen, alltäglichen Kümmernissen und der allmählich wachsenden Schar gefellter und gefiederter Mitbewohner: Schafe, Hühner, zwei Gänse und eine Ziege. Sie wollen versorgt, umhegt, gepflegt werden. Schaf Jana hat Drillinge und eine Euterentzündung, Ganter Esmis Fuß sieht nicht gut aus, die aus der Bio-Freilandhaltung geretteten Hühner brauchen eine habichtsichere Unterkunft. Reparaturen, kranke Tier und die tägliche Erwerbsarbeit am Computer mit bedrohlich näherrückender Deadline setzen ihr zu. Selbstkritisch räumt sie ein: »Ein Stall voller Tiere, ein Konto ohne Einkünfte, ein unfertiges Manuskript und ein Landhaus ganz weit draußen – das war ein bisschen viel auf einmal.«
Gummistiefel nicht als Deko, sondern als tägliche Pflicht. Kein nie enden wollender Urlaub auf der Hängematte unterm Apfelbaum, sondern Verantwortung und selbstauferlegte Verpflichtung – bei Wind, Wetter, Eis und Schnee. Ein Landleben à la Hilal Sezgin entschädigt nur den, der die Mühe aufbringt, jeden Tag früh aufzustehen, und sich nicht unterkriegen lässt: Er wird wachsen, vom ängstlichen Stubenhocker zu einem, den es jeden Tag nach draußen zieht. Er wird entlohnt werden: durch Tiere, welche die entgegengebrachte Achtsamkeit erwidern, durch die Gemeinschaft von Freunden, die einspringen mit Trecker, Werkzeug und Tatkraft oder einfach spontan vorbeischauen und »Hallo« sagen, durch üppige Ernte selbst gezogener Kartoffeln oder Johannisbeeren. Und durch den weiten Blick über Feld und Flur.
Das ist viel, sehr viel, wunderbar und real: viel Leben.
|
Unser Lieblingssufi live!!
06.06. Aachen, Musikbunker 07.06. Hannover, Musiktheater Bad 19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich 20.06. Berlin, Gretchen 21.06. Leipzig, UT Connewitz 22.06. ...
Sorry wegen dem Auge
Das ist ein TATORT, der gut gefallen kann. Mag sein, es kommt zum Ende hin ein bisschen dicke. Aber wie man’s nimmt. »Wir freuen uns, in der Reihe Tatort am Pfingstmontag mit ...
Maigrüße
Ich liebe den 1. Mai. Tag der Arbeit! Der Tag an dem wir den Vorkämpfern der Arbeiterbewegung gedenken. Der Tag, an dem wir demütig unsere Häupter neigen vor | weiterlesen
»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«
Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...
Das Leben ist nicht Wünschdirwas
Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL
Götter verstehen keinen Spaß
Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...
Elektronische Findlinge
Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...
Ecce Homo
»Siehe, der Mensch!« - so wird allgemein Ecce Homo übersetzt. Napoleon soll Ähnliches zu Goethe bei ...
Maler der Farben und Formen
Üppige Figuren und bunte Farben sind die Markenzeichen des kolumbianischen Malers Fernando Botero. Anlässlich seines 80. Geburtstags zeigt die Galerie Samuelis Baumgarte Bilder, ...
|