Ralph Eue/Linda Söffker (Hg.): Aki Kaurismäki.
01.02.2007
Film, ein finnischer Tango
“Ich liebe es, wenn die Menschen sich vergnügen, solange ich nicht dabei sein muss.” (Aki Kaurismäki)
Was ist einsam, melancholisch und finnisch? Ein weißer Schimmel? Eine Reklame für nordischen Wodka? Nein, selbst dem gemeinsten Kinohasser ist klar, es ist die Ankündigung für einen neuen Kaurismäki, z.B. für seinen letzten, der auch als “Einsamkeit in seiner schönsten Form” gepriesen wurde.
Seit über 20 Jahren macht Aki Kaurismäki Filme, von “Schatten im Paradies”(1986), über “Das Mädchen aus der Streichholzfabrik” (1989) bis zum aktuellen “Lichter der Vorstadt” (2006) hat sich sein Ruf als minimalistischer Regisseur finnischer Depressionen gefestigt. Der von Ralph Eue und Linda Söffker herausgegebene Film-Band skizziert das Kaurismäki Universum dies- und jenseits der bekannten Klischees. In Essays, Interviews, Filmkritiken wird das Werk des coolen Finnen auf seine Amerikaphilie (Cadillacs & Rockabilly), seine Abneigung gegen viele Worte (----), seine Zuneigung zu seinen Stars (Matti Pellenpää & Kati Outinen) und seine Haltung zu Vorbildern (Bresson & Sirk) umfassend untersucht. Doch fast jeder Ansatz der Analyse, ob nüchtern und wissenschaftlich oder sozialkritisch hinterfragend, wird von der subversiven Poesie der Filme und der Wehmut ihrer verlorenen Helden unterwandert.
Mit dem neuen Film ist die “Trilogie der Verlierer” abgeschlossen. Kenner rätseln, was kommt danach? Wiederholt er sich nicht schon längst? Bietet keine Überraschungen mehr? Oder wird er immer besser, ein gradezu perfekter Cocktail aus dem klaren Destillat der Entfremdung, mit einem winzigen Spritzer Hoffnung im bitteren Drink, gekrönt von einer roten Kirsche, zur Erinnerung daran, dass die gezeigten Menschen unter all ihrer Starre doch noch lebendig sind.
Kaurismäki selbst bleibt allen Prognosen gegenüber cool. Er, der seit dem internationalen Erfolg mittlerweile auch finnische Anerkennung genießt, ist der Meister der Selbstdarstellung im Tief- und Hochstapeln. Seine Interviews sind fast noch besser als seine Filme und deshalb das von Ralph Eue zusamengetragene Kaurismäki-Lexikon mit Zitaten des Meisters “Das Leben ist bitter, aber lustig”, der größte Spaß. So sagt dieser bspw. unter “O wie Ozu”: “Bisher habe ich also 11 lausige Filme gedreht und ich habe beschlossen, 30 weitere folgen zu lassen: ich weigere mich in mein Grab zu steigen, bevor ich nicht bewiesen habe, dass es aussichtslos ist, weiter zu versuchen, Ihr Format zu erreichen.” Das kann uns nur freuen. Von Finnland bis Portugal ist noch jede Menge Platz für geteilte Einsamkeiten.
Kaurismäkis Filme kann man als Märchen einer längst vergangenen Zeit lesen oder als die verfilmte Kehrseite eines oberflächlich wohlhabenden europäischen Mondes. So lange noch einer auf dieser dunklen Seite ein Licht gegen globale und andere Raubtiere anzündet und beim Feuer vom Überleben erzählt, ist nichts verloren. Der Kaurismäki Sammelband führt Leser und Leserin durch das wölfisch reiche Filmleben des Famous Finn. Lesenswert, liebenswert und weit entfernt von lakonischer Depressivität.
Maggie Thieme
Ralph Eue/Linda Söffker (Hg.): Aki Kaurismäki.
film: 13, Bertz+Fischer, 2006,
284 Seiten, 19,90 EUR,
ISBN: 3-929470-89-6