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Imre Kertész: Dossier K.

12.02.2007


Auf der Fährte des Ich

Selbstentblößung auf hohem Niveau – so könnte man in wenigen Worten das jüngste Buch von Imre Kertész beschreiben, in dem er seiner Lebensbahn nachgeht und auch der Frage, in welchem Verhältnis Roman und Wirklichkeit stehen.

 

Von der deutschen Presse ist der Band mit den Selbstaussagen des Nobelpreisträgers Imre Kertész Dossier K. Eine Ermittlung begeistert aufgenommen worden. Man sah das Buch vor allem im Zusammenhang mit den damals publizierten Autobiographien von Alexander Fest und Günter Grass. Kertész hat das Gespräch bzw. das Selbstgespräch als Form gewählt, um über sein Leben zu berichten. Damit unterscheidet der Band sich von den Versuchen von Fest und Grass insbesondere durch eine pragmatischere, unprätentiösere Haltung dem autobiographischen Schreiben gegenüber. Gesprächsweise nähert sich also der ungarische Autor verschiedenen Abschnitten aus seinem Leben. Er spricht über den Zusammenhang von gelebter Wirklichkeit und fiktionalisierter Darstellung, natürlich über Auschwitz, aber auch über sein Leben und Leiden in der ungarischen Diktatur. Man muss sich erst einmal an die dialogische Technik gewöhnen, wenn man dieses Buch zu lesen beginnt, und es taucht alsbald die Frage auf, ob die von Kertész gewählte Form auch adäquat für einen so langen Text ist. Der Verlauf eines Interviews ist ja weniger bestimmt durch eine vorgegebene Struktur, sondern eher durch eine gewisse Spontaneität, die dafür sorgt, dass viele Antworten einen etwas vorläufigen, aber häufig dennoch pointierten Charakter besitzen.

Selbstentblößer

Den Aufzeichnungen von Kertész merkt man hingegen an, dass sie für die Publikation in vielfacher Hinsicht geglättet wurden. In der Vorbemerkung schreibt er, dass der Text auf einem Gespräch mit seinem Lektor basiert. Schaut man sich die Fragen und Anmerkungen des Gesprächspartners aber an, so hat man an einigen Stellen den Eindruck, als befrage Kertész sich selbst, als seien die Einwürfe des Interviewers aus der Feder des Autors geflossen. Dies ist nicht weiter schlimm, denn letzten Endes zählt nur das, was wir über dessen Leben erfahren. Und Kertész wahrt zwar an einigen Stellen Diskretion und an anderen wird die Eitelkeit des Künstlers deutlich, der sein Werk für bedeutend hält, trotzdem geht es dem Autor nicht darum, der Öffentlichkeit ein bestimmtes, idealisiertes Bild von sich zu präsentieren. Vielmehr legt Kertész eine Eigenschaft an den Tag, die vielleicht für alle wichtigen Autobiographien von grundlegender Bedeutung ist und mit der, um in den Worten Helmut Heißenbüttels zu sprechen, Kertész in seiner Rolle als „Selbstentblößer“ deutlich wird. Kurz: Der Autor nimmt (meistens) kein Blatt vor den Mund, und das ist auch gut so.

Wunderbar subtile Sätze

Für alle Literatur- und Ästhetikinteressierten sind vermutlich die Anmerkungen zu dem Verhältnis von Fakt und Fiktion von besonderem Interesse. Wie die Erinnerung an bestimmte Erlebnisse sich verändert durch die Fiktionalisierung, welchen literarischen Niederschlag die Erfahrung von Auschwitz gefunden hat, wie die Fiktion gegen die Realität gewinnen kann, das alles schildert Kertész in wunderbar subtilen Sätzen. Darüber hinaus hat das Dossier K. fast eine didaktische Funktion; es führt in das Werk des Nobelpreisträgers ein. Wer den Roman eines Schicksalslosen noch nicht gelesen hat, der möchte nach der Lektüre dieser Selbstaussagen zu dem Buch greifen – aber auch zu den anderen Texten wie dem Galeerentagebuch oder Fiasko.

Thomas Combrink


Imre Kertész: Dossier K. Eine Ermittlung. Rowohlt 2006. 240 Seiten. 19,90 Euro.

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