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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 14:10

 

Martin Hielscher: Uwe Timm

24.05.2007

Literatur über die Currywurst und andere Entgleisungen

Die Currywurst als literarische Hauptmahlzeit oder wie Uwe Timm die Bedeutungslosigkeit des Alltags aus ihrem Tiefschlaf weckte. In der Biografie von Martin Hielscher zeigt sich ein aneckender Schriftsteller, der auch als Kinderbuchautor sehr bekannt wurde.

 

Er hat sie ertragen und sich aufgelehnt, er hat davon erzählt und sie verarbeitet – die Erziehungsmethoden seines Vaters, der darauf besteht, "den Sohn zu disziplinieren und ihm seine Werte einzubläuen." Martin Hielscher wird das Wort "einbläuen" nicht leichtfertig benutzt haben. Nach dem Buch "Oekonomische Encyklopädie oder allgemeines System der Staats- Stadt- Haus- u. Landwirtschaft, in alphabetischer Ordnung" von Dr. Johann Georg Krünitz (1777) bedeutet es "durch Bläuen oder Schlagen hinein bringen, doch nur figürlich und im gemeinen Leben. Einem etwas einbläuen, ihn durch Schläge zur Erlernung einer Sache nöthigen." Vater Hans Timm verstand Erziehung vor allem als Mittel der Unterdrückung, ja, als Mittel zur Ausübung von Macht über Menschen. Begünstigt durch politische und gesellschaftliche Verhältnisse konnte der Vater des späteren Schriftstellers Uwe Timm fast ungehindert walten und seinen zweitgeborenen Sohn drangsalieren.

Dieses zwiespältige, später auseinander gegangene Verhältnisse von Uwe Timm zu seinem Vater arbeitet Martin Hielscher am Beginn seiner Biografie überzeugend heraus. Uwe Timm lehnte sich auf. Das ging soweit, das die beiden so unterschiedlichen Verwandten völlig zerstritten waren. Diese Art der Erziehung war mit auslösend dafür, daß Timm sich der außerparlamentarischen Opposition anschloss und in späteren Büchern immer wieder von Angst, Unterdrückung und Bevormundung geschrieben hat. Er archivierte die Geschichten aus seiner Kindheit, von den Erwachsenen erzählt, in seinem Gedächtnis und verwendete sie in seinen Romanen.

Bis dahin durchlebte er eine vom Krieg bestimmte Frühkindheit, lernte das Kürschnerhandwerk und übernahm nach dem Tod des Vaters dessen hoch verschuldetes Pelzgeschäft in Hamburg. Er holte das Abitur nach und bekam 1962 erstmals die Möglichkeit, in einer Zeitschrift zu veröffentlichen. In München studiert er Philosophie und Germanistik und hält sich zu einem Studienaufenthalt in Paris auf. Dort erfährt er von der Erschießung eines Freundes, was letztlich für seine Politisierung ausschlaggebend ist. Der Freund heißt Benno Ohnesorg, der am 2. Juni 1967 in Berlin am Rande einer Demonstration von einem Polizeibeamten erschossen wird. Der Tod des Freundes ist eine Zäsur in Timms Leben und erklärt – von Hielscher ausführlich dargelegt – die politische und literarische Haltung des Autors.

In seinem ersten Roman "Heißer Sommer" (1974) verarbeitet Timm diese einschneidenden Vorfall, der sein Leben sehr veränderte. Von da an ging es bergauf, Timm schrieb Romane, Kinderbücher, biografische Aufzeichnungen ("Vogel, friß die Feige nicht") und Essays. Mehrere Literaturpreise füllen die Vitrine, und als Drehbuchautor schrieb er "Die Bubi Scholz Story".

"Die Entdeckung der Currywurst" ist, natürlich, kein Sachbuch über das gebratene Ding aus Fleisch, Curry und Tomatensoße. Gleichwohl spielt diese Fast-Food-Speise in der Novelle eine tragende Rolle – Timm erzählt insbesondere, wie sie erfunden wurde. Nicht mittendrin im Stoff, der beschreibt nämlich die Lebensgeschichte der Frau Brückner, die in einem Altenwohnheim lebt und ein Leben lang eine Imbissbude führte. Hier taucht wieder ein zentrales Thema aus Timms Büchern auf – die Beschreibung des Alltags aus der Sicht der Alltäglichen.

Was ihn nicht mehr los lässt, das hat er beschrieben, daran hat er sich abgelebt, in dem Sinne, daß der Gegenstand des Interesses viel mit ihm selbst zu tun hat. Wie in dem Buch "Am Beispiel meines Bruders" (2003), in dem er die Frage stellt, warum sein Bruder, der bereits im Alter von neunzehn Jahren nach einer schweren Kriegsverletzung in der Ukraine gestorben ist, freiwillig zur Waffen-SS, zur Division "Totenkopf" ging.

Martin Hielscher schreibt über einen profilierten Schriftsteller, der aus der Familie heraus über die Gesellschaft schreibt und aus der gesellschaftlichen Sicht über die eigene Familie.

Klaus Hübner


Martin Hielscher: Uwe Timm.
Taschenbuch.
Mit zahlreichen Abbildungen.
dtv portrait. Deutscher Taschenbuch Verlag. München. 2007.
192 Seiten. ISBN: 978-3-423-31081-9.
10,00 Euro.

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