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Balzac: Romane und Erzählungen / Willms: Balzac - Eine Biographie

03.12.2007


Berserker und Verschwender


Herbert Debes über die revidierte Neuausgabe der im Diogenes Verlag erschienenen „schönsten Romane und Erzählungen“ des Honoré de Balzac, eine ungewöhnliche Erregung seines Verlegers Daniel Keel und die grandiose Balzac-Biographie von Johannes Willms.

 

Neben dem 17 Jahre älteren Stendhal (Marie-Henri Beyle) und dem 22 Jahre jüngeren Gustave Flaubert bildet Honore de Balzac die Mitte im Triptychon der großen französischen Realisten des 19. Jahrhunderts.


Sein voluminöses Hauptwerk, das er in Anlehnung an Dantes „Göttliche“, „Die menschliche Komödie“ („La Comédie humaine“) genannt hat, blieb trotz seiner rund 90 fertiggestellten Bände unvollendet. Kolossales Fragment eines auf 137 Romane und Erzählungen angelegten, in mehrere Sektionen) unterteilten, weit verzweigten Gesamtwerks, dessen Einzelbände zu einem Gewebe aus von Roman zu Roman wiederkehrender Personen wurden.

„Von den rund 2.000 Personen, die in der „Comédie humaine“ ihren Auftritt haben, sind es insgesamt 593 Darsteller, die mehrfach in Haupt- oder Nebenrollen in den einzelnen Werken figurieren.“ (Willms, Balzac, S. 182)


Mit dieser literarisch revolutionären Idee einer vernetzten Personage entwarf Balzac mit seinem psychologischen Realismus ein opulentes Sittengemälde der französischen Gesellschaft der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als deren Sekretär er sich bezeichnet hat:
„Der Zufall ist der größte Romandichter der Welt: um fruchtbar zu werden, braucht man nur zu studieren. Die französische Gesellschaft sollte der Historiker sein, ich nur ihr Sekretär. Wenn ich die Inventur der Laster und Tugenden aufnahm, wenn ich die hauptsächlichsten Daten der Leidenschaften sammelte, wenn ich die Charaktere schilderte, wenn ich die wichtigsten Ereignisse des sozialen Lebens auswählte, wenn ich durch die Vereinigung der Züge vieler gleichartiger Charaktere Typen schuf, so konnte es mir vielleicht gelingen, die von so vielen Historikern übersehene Geschichte zu schreiben: die der Sitten.“

Lesen Sie gefälligst Balzac!

Ich kann mich nicht erinnern, dass es so etwas schon mal gegeben hat. In der Programmvorschau für Herbst und Winter 2007/08 des Diogenes Verlages liest der Verleger Daniel Keel uns die Leviten.
In einem als Brief gestalteten Text an die „Lieben Kolleginnen, lieben Kollegen, liebe Leser“, schreibt er engagiert:
„Zweimal haben wir versucht, den deutschen Leser mit Balzacs vollständiger 'Comédie Humaine' in 40 Bänden zu beglücken. Zweimal erwies sich das Vorhaben als vergebliche Liebesmüh. Vielleicht war es zuviel aufs Mal. Jetzt machen wir einen dritten, ich fürchte letzten, Versuch, uns auf eine Art 'Best of...'Aktion beschränkend: sieben Romane, sieben Erzählungen, gründlich revidierte Übersetzungen, kompetente Einführungen, Neusatz und Nachworte von Friedrich Dürrenmatt, Hugo von Hofmannsthal, Wolfgang Koeppen, W. Sommerset Maugham, Hans-Jörg Neuschäfer, Georges Simenon, Oscar Wilde, Stefan Zweig. Dazu erscheint die mitreißende neue Balzac-Biographie von Johannes Willms.
Ich bitte Sie, überwinden Sie ihre Indolenz. Gönnen Sie sich endlich den Genuß der genialen Werke dieses Shakespeare des Romans.
Ich danke Ihnen, auch in Ihrem Namen.
Herzlich,
Daniel Keel“

Bravo, Herr Keel. Recht haben Sie! Betrachtet man allein die Tonnen sinnlos bedruckten Papiers, die uns stapelweise das abstruse, pseudo-historisierende Leben von Wanderhuren oder Quacksalbern auf dem literarischen Niveau der neuen deutschen »Volksmusik« vorgaukeln, und damit die Buchandlungen verstopfen und zu seelenlosen 'Points of Sale' degradieren. Lesen ist kein Wert an sich! Dies wird es erst durch ein 'gutes' Buch.

Balzac betreffend, hat die von Herrn Keel angesprochen Indolenz der Deutschen tiefe Wurzeln: So urteilte kein Geringerer als der von uns so verehrte Geheime und ebenso intrigante Rat Goethe bereits am 27. Februar 1832 ebenso geringschätzig wie überheblich über Balzac: »Man kann an jedem Detail Anstoß nehmen, auf jeder Seite Übertretungen, Extravaganzen bemerken, kurz, es fallen einem mehr Unvollkommenheiten ins Auge, als es brauchte, um ein gutes Buch zu ramponieren, aber dennoch ist es unmöglich, darin nicht das Werk eines über dem Durchschnitt gelegenen Talents zu erkennen und es nicht ohne Interesse zu lesen.« (Willms, Balzac, S. 7)

Und „Meyers Großes Konversations-Lexikon“ von 1904 weiß genau: „... seine Schilderungen sind jedes idealen Elements bar, die letzten Gründe menschlicher Handlungen führt er auf die Geldsucht und den gemeinsten Egoismus zurück, besonders seine Schilderungen des weiblichen Herzens sind oft von empörendem Naturalismus. Dazu kommen häufig große Flüchtigkeit in der Anordnung des Stoffes, Geschmacklosigkeit im Ausdruck und viele Mängel im Stil.“

Schlussstein im Gebäude der Menschlichen Komödie

Hier kommt Johannes Willms mit seiner grandiosen Biographie über den Berserker und Verschwender ins Spiel. Auf 350 Seiten erklärt er uns das Phänomen Balzac. Mit seiner ausgeprägten Lust am Erzählen erzeugt Willms eine lebendige Unmittelbarkeit zu dem ewig großen Jungen Balzac, der zeitlebens über seine Verhältnisse gelebt und gearbeitet hat. Der Schlüssel zu Balzacs Leben liegt für Willms dabei in dessen Kindheit und Jugend, die der junge Honoré größtenteils in Internaten und kasernenartigen Schulen verbringen musste, in die ihn seine Mutter verfrachtet hatte, die, zur mütterlichen Liebe offenbar unfähig, das Kind als unzumutbare Belastung empfunden haben muss.

Im Stile eines psychologischen Portaits führt uns Willms durch das abenteuerliche Leben des Romanciers, der uns die Erfahrungen anderer zwar meisterhaft schildern konnte, für sein eigenes Leben daraus jedoch keine Lehren gezogen, sondern zeitlebens daran geglaubt hat, dass sich der Schein im Sein verzinsen würde.

Zum einen lernen wir einen reaktionären, geltungssüchtigen Opportunisten kennen, der, süchtig nach Ruhm und Reichtum, nichts unversucht lässt, in der postnapoleonischen Gesellschaft Frankreichs, deren oberstes Gesetz »enrichez vous!« (Bereichert Euch!) lautete, Karriere zu machen. Aber auch einen liebenswert (?) unbelehrbaren Glücksritter, der sich rettungslos in hanebüchende Geschäftsideen verstrickt.

Glanz und Elend liegen bei Balzac stets sehr dicht beieinander, überlagern sich regelrecht, wobei der Glanz selten Widerschein eigenen Leuchtens, meist Abglanz eines Popanzes ist, während das Elend in form stetig steigender Schulden zunehmend existenzbedrohende Dimensionen erreicht. Es scheint, als wäre der Schriftsteller Balzac, Alexis Sorbas und Don Quichotte in einer Person, die Entelechie des ewigen (traumatisierten) Kindes, der, um sein grandioses Werk zu schaffen, sein Leben, gemessen an heutigen bürgerlichen Maßstäben, ebenso glorreich verfehlen musste.
Willms widersteht allerdings standhaft der Versuchung, diesen Mythos zu etablieren, dazu ist seine Quellenarbeit zu präzise. An den biographischen Schlüsselstellen finden sich stets die passenden Stellen aus Briefen Balzacs oder dessen Zeitzeugen.


In diesem Herbst sind zahlreiche Biographien erschienen, allein zu Joseph Conrad und Ernst Jünger jeweils zwei. Willms Buch ragt aus der Masse dieser Werke auch wegen seiner literarischen Qualität heraus. Mit seinem „Balzac“ hat er den passgenauen Schlussstein im Gebäude der Menschlichen Komödie gesetzt.

Herbert Debes


Beitrag ersterschienen in: Glanz und Elend

Johannes Willms: Balzac - Eine Biographie. Diogenes 2007. 368 Seiten. 24.90 Euro.

Honoré de Balzac: Romane und Erzählungen. Diogenes Verlag 2007. 4224 Seiten. 99,00 Euro.

Abbildung: Gemälde von Louis-Auguste Bisson nach einer Fotographie, 1842

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