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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 14:20

Sebastian Domsch (Hg.): Amerikanisches Erzählen nach 2000

04.09.2008

Akademische Trendforschung

Die Anthologie „Amerikanisches Erzählen nach 2000“ möchte eine Bestandsaufnahme der amerikanischen Gegenwartsliteratur liefern, scheitert jedoch an ihrem Anspruch, da sie mehr mit dem Aufspüren vorgeblich neuer Trends als mit einer kritischen Analyse der realen amerikanischen Literaturproduktion in all ihren widersprüchlichen Facetten beschäftigt ist. Von JÖRG AUBERG

 

Hierzulande pflegen professionelle Literaturkritiker mit Vorliebe das Klischee der US-amerikanischen Literatur, die „direkt aus dem Leben gegriffen“ sei, und beschwören den großen „erzählerischen Atem“, um die angeblich kopflastigen deutschen Autoren an die mediale Wand zu drücken. Doch die amerikanische Literatur besteht nicht allein aus Raymond Carver und Richard Ford, wie ein Blick auf die aktuelle Produktion der amerikanischen Gegenwartsliteratur belegt.

Geschlossene Gesellschaft

Der von Sebastian Domsch herausgegebene Sammelband „Amerikanisches Erzählen nach 2000“ zeigt die Vielschichtigkeit der US-Literatur nach dem Millennium auf, wobei 9/11, der Tag der Terroranschläge auf New York, als historische Zäsur begriffen wird, die auch das Schreiben nachhaltig beeinflusst habe. Das Buch erhebt den Anspruch, eine Bestandsaufnahme aktueller inhaltlicher, formaler und kultureller Trends der letzten Jahre zu sein, und will aufzeigen, „welche genuinen Neuerungen, Innovationen oder Neubewertungen in diese Zeitspanne“ seit der Jahrtausendwende fielen. So werden in den recht unterschiedlichen Beiträgen nicht allein Romane untersucht, sondern auch andere Formen wie Spielfilme, „graphic novels“ und Warblogs amerikanischer Soldaten im Irakkrieg.

Allerdings leidet die Anthologie unter der akademischen Selbstreferenzialität: Literaturwissenschaft wird von den meisten Autoren und Autorinnen (die ausnahmslos den universitären Institutionen der deutschsprachigen Amerikanistik entstammen) nicht als kritisch-öffentliches Projekt begriffen, sondern in erster Linie als Medium, das sich an Eingeweihte wendet und ein aufgeklärtes Publikum jenseits der Grenzen akademischer Rackets aussperrt.

Tatsächlich spielt die gesellschaftliche und politische Dimension in nur wenige Beiträge hinein wie etwa in MaryAnn Snyder-Körbers interessante Analyse des konservativen Neo-Realismus marktgängiger Romanciers wie Jonathan Franzen oder Carsten Schinkos Darstellung der „sonic fictions“ über das Verweben von Literatur und Musik. Andere Texte wie etwa jene über die Renaissance historischer Romane oder die Auseinandersetzung mit den Folgen des islamistischen Terrors wirken wie spannungslose Textfermente aus der akademischen „Paper-Industrie“, die dem Vergleich zu anderen Essays wie etwa Benjamin Kunkels kurze Abhandlung über den zeitgenössischen „amerikanischen terroristischen Roman“ nicht standhalten können, zumal einige Autoren den Leser mit Plattitüden („In einer Welt nach dem 11. September gibt es keine einfachen Lösungen mehr“) und Verlautbarungen akademischer Fan-Clubs traktieren, die Unterschiede zwischen Stalinismus und Faschismus im „Diskurs“ der Totalitarismustheorie der Einfachheit halber einebnen.

Begriffsloses Fortschreiten

Neben der unkritischen Akademisierung der Literatur ist das große Manko dieses Bandes der eigene Anspruch, neue Trends aufzuspüren, wobei diese literaturwissenschaftliche Trendforschung auf Kosten von bekannten Autoren wie Thomas Pynchon oder Paul Auster geht, deren Romane unter den Tisch fallen, weil sie – wie der Herausgeber unumwunden eingesteht – „eher für die Kontinuität von Literaturtraditionen“ stehen und somit für dieses Unternehmen allenfalls von unterrangiger Bedeutung sind, obgleich sie noch immer zu den herausragenden Vertretern der US-Literatur zu zählen sind. Tatsächlich bietet diese Anthologie weniger eine Bestandsaufnahme der amerikanischen Gegenwartsliteratur, als dass sie im Bemühen, Phänomene unterhalb der Oberfläche als neue Trends aufzudecken, subjektiven Interessen der jeweiligen Autoren folgt, die zum alleinigen Maßstab erhoben werden, ohne die Dialektik von Statik und Dynamik auch im Bereich der Literatur zu begreifen.

„Wer Amerika verstehen will, der muss seinen Erzählern lauschen“, tönt es im Marketing-Sound vom Cover, doch werden jüngere Autorinnen wie Dana Spiotta oder Susan Choi (die zum Thema Terrorismus oder Politik und Gewalt in den letzten Jahren interessante Romane vorlegten) gänzlich vernachlässigt, obgleich sie einen Beitrag zum Verständnis „Amerikas“ geleistet haben. Stattdessen stellen die akademischen Textproduzenten racketartig einen inoffiziellen Kanon auf, zu dem „trendige“ Autoren wie Richard Powers, William T. Vollmann oder der in diesen Kreisen unvermeidliche Slavoj ´i¸ek zählen, und reduzieren die Sprache auf ein ausdrucksloses, desensualiertes Zeichensystem, das den Urheber als zuverlässig für die Rackets ausweist und dem Denken und Schreiben seinen unauslöschlichen Stempel aufdrückt.

Am Ende bleibt die Enttäuschung zurück, dass gut gemeinte Ansätze in einem konformistischen Konvolut akademischer Textstrukturen verenden, während eine kritische Geschichte der amerikanischen Gegenwartsliteratur noch zu schreiben bleibt.

 

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