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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 14:20

Terry Parssinen: Die vergessene Verschwörung

25.09.2008

Problematisches Dokudrama

Das Foto auf dem Buchtitel zeigt den Oberstleutnant Hans Oster in Uniform, aber die Haltung passt nicht. Sie lässt nicht an einen Berufsoffizier denken: Der rechte Arm ist zum Kopf hin angewinkelt, die geschlossene Hand stützt das leicht geneigte Haupt. Der Offizier blickt direkt, offen und ernst, aber nicht unfreundlich in die Kamera. Eine Pose und ein Gesichtsausdruck, der lässig, auch etwas ironisch wirkt. Von INGO STEINHAUS

 

Das Bild ist offensichtlich nicht für den Dienstgebrauch, sondern für private Zwecke gedacht. Kein Vergleich mit den grimmigen Gesichtern auf den Dienstfotos anderer hoher Militärs.

Der Soldat mit Weltkriegserfahrung wirkt hier eher wie ein Schauspieler in einem Agentenfilm; ein gut aussehender, viriler Herr mittleren Alters, der 1932 wegen einer Affaire mit der Frau eines Offiziers aus dem Militär hinausgeworfen wurde, dann privatissime für den militärischen Geheimdienst - die Abwehr - arbeitete und erst 1935 auf Intervention von Admiral Canaris wieder seinen alten Rang erhielt.

Falsch ist der Eindruck eines Agentenfilms nicht

Fabian von Schlabrendorff, einer der wenigen Überlebenden des militärischen Widerstands, hat Hans Oster den "Geschäftsführer" der Verschwörung genannt. Als Organisationsleiter des Geheimdienstes war er die Informationsdrehscheibe der Widerständler aus Generalstab und Außenministerium.

In den Jahren 1937/38 wurde er zur Schaltstelle einiger Überlegungen, das Hitler-Regime nach dem Überfall auf die Tschechoslowakei in einem Militärputsch auszuschalten. Leider fiel der Umsturz aus, da auch der Krieg ausfiel: Neville Chamberlain gab den Nazis auf der Münchner Konferenz freie Hand für den Anschluss des Sudetenlandes. Damit sorgte er nebenbei höchstselbst für die Bestätigung des Führermythos, Hitler sei ein genialer Instinktpolitiker und allen Demokraten überlegen.

Das abenteuerliche Szenario von Verschwörung, Verrat, Umsturz und Bangen bis zur letzten Sekunde hat wohl zu dem abenteuerlichen Marketing-Claim der "vergessenen Verschwörung" geführt. Das ist schlicht Blödsinn, denn schon jedes einführende Übersichtswerk zum Widerstand (vor allem die Arbeiten von Wolfgang Benz, Hermann Graml und Gerd R. Ueberschär) widmet der als "Septemberverschwörung" bekannten Putschplanung ein ausführliches Kapitel.

Vergessene Geschichte sieht anders aus.

Leider ist der aufgeplusterte Titel nicht alles. Auch der Inhalt wurde dramaturgisch glattgebügelt und gehorcht den Marktgesetzen von History-TV. Man wartet beim Lesen geradezu, dass vor dem inneren Ohr ein sonor-hypnotischer Bariton erklingt und raunend fragt: "Wird Hans Oster den Chef des Generalstabs auf seine Seite ziehen? Was wird der Führer dazu sagen? Kann Oster den Frieden noch einmal retten?"

Und so ist das Buch eine Art Dokudrama mit starken Anklängen an das Thriller-Genre. Es bietet eine spannende Montage aus Szenen, die dramaturgisch zugespitzt auf einen in letzter Sekunde abgesagten Umsturzversuch zulaufen. Man erfährt wörtlich, was die Militärs in hochgeheimen Besprechungen erzählten, wer wann welche Schritte zum Putsch unternommen hat und mit welchen Argumenten die Abgesandten der Militäropposition bei geheimen Reisen nach London ein deutliches Signal der britischen Kriegsbereitschaft erbaten.

Dadurch erlaubt der Autor übrigens auch einen tiefen Blick ins Innere der englischen Appeasement-Politik, vor allem in ihre Irrtümer: Chamberlain wollte mit dem Deutschen Reich ins politische Tauschgeschäft kommen, während Hitler endlich seinen Krieg wollte. Für die Appeaser war Politik nur als Interessenpolitik denkbar. Sie glaubten, dass Hitler irgendwann "saturiert" sei - spätestens nach dem Münchner Abkommen.

Der Rest ist Geschichte und auch diese Rezension könnte schon an ihr Ende gekommen sein. Allerdings nur, wenn es sich hier tatsächlich um ein - notwendig und entschuldbar etwas hemdsärmelig mit den Fakten umgehendes - Dokudrama handelte. Doch das Buch will als historische Monographie ernst genommen werden.

Gretchenfrage: Was ist mit den Quellen?

Ein Blick in die Fußnoten des Buches zeigt gemessen an den weitreichenden Aussagen einen eher kärglichen Apparat. In vielen Details stützt sich Parssinen auf nur wenige Quellen, deren Aussagen zudem oft unkritisch 1:1 übernommen werden.

Ein Beispiel: Parssinen nutzt sehr häufig das umstrittene Erinnerungsbuch "Bis zum bitteren Ende" von Hans Bernd Gisevius. Die Memoiren des Widerständlers gelten bei Fachhistorikern als problematische Quelle, da Gisevius dazu neige, sich stark in den Vordergrund zu spielen. Seine Aussagen zu den Abläufen seien zwar grob zutreffend, in den Details aber oft übertrieben und teilweise sogar ganz erfunden.

Lebenserinnerungen dienen immer der Rechtfertigung und oft auch der Begradigung der eigenen Vergangenheit. Dies gilt vor allem bei den Memoiren von großen und kleinen Funktionsträgern des Dritten Reichs, die unter keinen Umständen ungeprüft übernommen werden sollten. Solche Überlegungen sind dem Autoren fremd. Er erwähnt die Probleme der Gisevius-Erinnerungen zwar in den Fußnoten, nutzt sie und andere Quellen aus der Nachkriegszeit aber trotzdem für ausführliche Beschreibungen, die anderswo nicht dokumentiert sind.

Dies macht die szenische Montage zu einer recht fragwürdigen Angelegenheit. Wie gesagt, bei einem Dokudrama oder gar einem Roman nach "Motiven aus der Wirklichkeit" wäre das kein Problem. Doch für eine echte Auseinandersetzung mit dem Thema und dem in der Tat hochgradig interessanten Protagonisten ist das Buch zu wenig analytisch.

Militärhistoriker kommen jedenfalls bei der inzwischen recht gut bearbeiteten Septemberverschwörung zu anderen Schlüssen. Klaus Jürgen Müller hat in seiner ausführlichen Biografie "Generaloberst Ludwig Beck" (2007) die Verschwörung als "sehr locker strukturierte Fronde verschiedener kleiner Grüppchen" bezeichnet, die mangels "Koordinierung und entschlossener Führung" ohnehin keinen Putsch zustande gebracht hätten.

Das ist wohl die schlichte Wahrheit und das Buch nichts weiter als eine spannungsreiche Fiktion, die förmlich zu einer Verfilmung einlädt. Vielleicht mit Bruno Ganz als Chamberlain, Sky Dumont als Hans Oster und Jan Josef Liefers als Hans "Dampf" Gisevius. Herr Eichinger, übernehmen Sie!

 

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