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Drei Bücher zur Finanzkrise

12.03.2009

Das Dreimaleins der Wirtschaftskrise

Wenn etwas derzeit Konjunktur hat, dann sind es Bücher über die Finanzkrise. Vielleicht nicht unbedingt präsent in der Spitze – sprich in den Bestsellerlisten – aber definitiv in der Breite. Drei aktuelle Beispiele aus dem Crash-Buch-Boom werden von Anselm Brakhage auf den Prüfstand gestellt.

 

Kaum ein Verlag, der nicht einen Branchenspezialisten, einen absoluten Insider oder reumütigen Aussteiger ins Rennen schickt. Das soll grundsätzlich nicht moniert werden, aber Vorsicht ist sicher geboten bei manchen eilig auf den Markt geworfenen, der Aktualität geschuldeten und bisweilen von jener kurz nach Erscheinen schon wieder eingeholten Publikationen. Unbestritten ist, dass dieses höchst undurchsichtige Treiben im Finanzsektor unser aller (Wirtschafts-) Leben ganz wesentlich beeinflusst, mehr als uns gemeinhin wohl bewusst war, und mehr als uns lieb ist und sein kann. Und genau so unbestritten ist, dass wir Branchenfremden – und leider wohl auch nicht wenigen Branchenvertreter – die großen Zusammenhänge bestenfalls äußerst nebulös erahnen, in der Regel aber eher gar nicht durchschauen. Somit ist jede Hilfe, jedes Buch willkommen, das hier Aufklärungsarbeit zu leisten vermag. Nun denn, gehen wir es an und prüfen die Tauglichkeit dreier aktueller Beispiele aus dem Crash-Buch-Boom.

Parallelen zu 1929/1930

Ulrich Schäfer, als Wirtschaftsjournalist früher beim Spiegel, jetzt als Ressortleiter bei der Süddeutschen Zeitung tätig, lässt in „Der Crash des Kapitalismus – Warum die entfesselte Marktwirtschaft scheiterte“ die letzten Jahre Revue passieren: LTCM Hedgefonds, Bank of Thailand, J.P. Morgan, Merrill Lynch, Infineon, Enron, WTO, Alan Greenspan, Fannie May, Freddie Mac, LGT Bank Liechtenstein, IKB, KfW, Sachsen LB, Jérôme Kerviel, Société Générale, Goldman Sachs, Bear Stearns, Lehman Brothers, Hypo Real Estate, Klaus Zumwinkel, Josef Ackermann, AIG… Wegmarken aus dem Who is Who der Global Player im großen Finanzroulette, uns allen als Chiffren aus Nachrichten- und Zeitungsmeldungen bekannt, als Symbole des Großen Geldes, als personifizierte Krisen. Schäfer rollt die chronologischen Entwicklungen anhand der Akteure auf, das macht er sehr flott, sein Rückblick liest sich spannend und flüssig wie ein Krimi, die Protagonisten bekommen ein Gesicht, man wähnt sich quasi mit im Raum, wenn sie die hohen Herren nächtens über die nötigen nächsten Schritte beraten, nachdem der drohende Zusammenbruch eines weiteren Finanzriesen bekannt geworden war.

Wie viele andere wertet Schäfer die derzeitigen drastischen und umfassenden Krisenerscheinungen nicht lediglich als vorübergehendes Problem, sondern durchaus als eine fundamentale Erscheinung des Kapitalismus, welche allerdings in ihren Auswirkungen mit geeigneten Maßnahmen zu zügeln ist. Die Einbettung verschiedener Aspekte in die einschlägigen ökonomischen Theorien der Herren Keynes, Friedman oder Galbraith gelingt ihm dabei fast beiläufig, sehr unaufgeregt und eingängig. Immer wieder nimmt er auf die so frappierenden wie Besorgnis erregenden Parallelen zum Entstehen (und den Folgen?) der Weltwirtschaftskrise 1929/1930 Bezug.

 

Die fetten Jahre sind vorbei

Auch Lucas Zeise, ein Mann der Praxis, unter anderem in der Vergangenheit für das japanische Wirtschaftsministerium, die deutsche Aluminiumindustrie und die Frankfurter Börsen-Zeitung tätig, auch Mitbegründer der Financial Times, schreibt unter dem schönen Titel „Ende der Party“ über die Explosion im Finanzsektor und die Krise der Weltwirtschaft.

Von den drei betrachteten Autoren geht Zeise wohl am wissenschaftlichsten vor, ohne dabei jedoch trocken oder für den Laien unverständlich zu werden. Denn auch bei ihm stellt der Laie, der betroffene Normalbürger die Zielgruppe. Weniger streng chronologisch als Schäfer widmet sich Zeise wesentlichen Ursachen und Aspekten, vom ‚Geschäftsmodell Verschuldung‘ über die ‚Kreditverpackungsbranche‘ und den ‚Sünden der Deregulierung‘ bis zum ‚Immobilienboom in den USA‘ und grundsätzlich ‚was den Finanzsektor fett macht‘.

Sowohl Zeise als auch Schäfer begnügen sich nicht mit der Analyse und dem schonungslosen Aufzeigen der zu erwartenden weiteren Folgen, sondern sie liefern auch Lösungsansätze und -strategien für einen Weg aus der Krise, all dies lässt sich letztlich subsumieren unter dem Ruf nach stärkerer (Re-)Regulierung. Vieles davon findet sich inzwischen auch längst in der tagesaktuellen politischen Debatte. Zeise geht hier noch etwas konkreter vor, auch unter eindeutiger Benennung der jeweils geforderten Akteure (Bundesregierung, EU, Banken…).

 

Perversionen aufzeigen

Schließlich Anne T.: „Die Gier war grenzenlos“ aus dem Econ Verlag. Die Aufmachung „Eine deutsche Börsenhändlerin packt aus“ kommt zwar etwas reißerisch daher, hält aber, was sie verspricht: spannende Einblicke in das bizarre Innenleben einer Investmentbank. „Einblicke“ ist dabei sehr wörtlich zu nehmen: Denn arbeitet Schäfer sich an den großen Akteuren ab, so dreht sich bei Anne T. vieles um die tägliche Praxis im „Kleinen“, die Abläufe in den Abteilungen einer Investmentbank, die Mechanismen, die Hierarchien, der Umgangston untereinander, der Umgang mit Kunden. Anne T. gelingt es dabei vorzüglich den Spagat zu meistern, einerseits ihre subjektive (weibliche) Wahrnehmung lebendig zu schildern, andererseits ihrem Anspruch gerecht zu werden, Zusammenhänge aufzuzeigen und Perversionen der vergaloppierten Finanzwelt aufzuzeigen. „Bonus-Garantieanleihen stellen je nach Ausstattung in Abhängigkeit von der Kursentwicklung eines zugrunde liegenden Baskets einen variablen bzw. einen im Rahmen einer Zinsstaffelung fix vorgegebenen Kupon in Aussicht, wobei sich der Zinssatz entweder an der kleinsten absoluten positiven oder negativen Performance eines einzelnen Korbwertes (= schwankungsabhängig), oder an der tatsächlichen Kursentwicklung (=kursabhängig) orientieren kann…“

Mit diesem Zitatausschnitt aus einem Anlegerportal führt die Autorin vor, welch groteske Blüten die flächendeckende Bankenpraxis trieb, eine Praxis, die Millionen von mehr oder weniger ahnungslosen Privatanlegern mit immer abstruseren Finanzinstrumenten und einem völlig undurchschaubaren, ad absurdum geführten Kauderwelsch gleichzeitig lockte und irreführte. Mit Finanzkonstrukten, die einzig und allein dafür geschaffen wurden, den betreffenden Banke(r)n kurzfristig gewaltige Boni zu bescheren. Sogenannte strukturierte Produkte, nach deren ökonomischer Basis und Sinnhaftigkeit niemand mehr fragte, es interessierte lediglich und ausschließlich die Aussicht auf schnelle saftige Rendite.

Durchaus hilfreich bei diesem erfrischenden Werk ist auch das angehängte Glossar wichtiger Begriffe, wobei man sich als Laie nicht der Illusion hingeben sollte, beispielsweise ein Finanzinstrument wie des CDS, eines Credit Default Swap, in seiner Bedeutung und der Tragweite seines missbräuchlichen Handels wirklich gänzlich zu erfassen. Dennoch öffnen die Erklärungsansätze einem den Blick und vermitteln zumindest eine vage Vorstellung. Bedauernswert an diesem Buch ist lediglich das schlampige Lektorat, das eine ärgerliche Fehlerhäufung zuließ.

Alle drei Bücher bestehen den Tauglichkeitstest, alle bieten Aufklärung für den normalen Bürger, es werden unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt, verschiedene Perspektive eingenommen, aber es besteht ein weitgehender Konsens in der Analyse und der Bewertung der Ursachen und in den Handlungsempfehlungen. Wohlan, bilden wir uns ökonomisch weiter, auf dass wir uns künftig nicht allzu leicht für dumm verkaufen lassen – im wahrsten Sinne des Wortes.

 

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