Mit „Sucht nach Leben. Geschichten von unterwegs“ legt Andreas Altmann, mehrfach preisgekrönter Autor – er erhielt unter anderem den Egon-Erwin-Kisch-Preis und den Reisebuch-Preis – sein nunmehr zwölftes Buch vor. Diesmal keinen monokontinentalen Erzählband, in dem er Begegnungen in einem mehr oder weniger homogenen Kulturkreis offenbart, sondern ein in jahrelanger Reporter-Arbeit auf allen Erdteilen zusammengetragenes Storybook. 60 Storys sind es, in denen Altmann seine Welt vor dem Leser ausbreitet. Von Geschichten zu sprechen, wird dem Stoff nicht ganz gerecht: So fabuliert der umtriebige Reisende nicht in epischer Breite Selbsterlebtes daher, sondern liefert auf 208 Seiten eine tour de force komprimierten Weltwissens, die die Bandbreite zwischen Aphorismus, Feature und Reportage mühelos abdeckt.
Dabei packt der Autor nicht nur die großen Themen an. Das Leben im New Yorker Crackhouse mit leicht zugänglichen Drogen inclusive Selbstversuch, Schwerverdauliches wie die verstörende Begegnung mit Frauen im Hospital in Bangladesh – säureattackierte Opfer männlich-eifersüchtigen Besitzdenkens – oder Beobachtungen im Bordell in Vietnam steht neben scheinbar Belanglosem: der Alltag im Pariser Café, der Besuch beim Schneider in Bangkok, Erkenntnisse bei der Zugfahrt durch Indien. Die Fallhöhe könnte unterschiedlicher nicht sein, der Blickwinkel bleibt stets der gleiche – intensiv und mitfühlend. Altmannesk quasi.
Roter Faden Leben
Wer in Andreas Altmanns zweitem Geschichtenband eine linientreue Fortführung seines Erzählungs-Erstlings „Getrieben“ sucht, wird sich wundern. Zwar liegt die Veröffentlichung von „Getrieben“ erst vier Jahre zurück, doch sind in „Sucht nach Leben“ die Geschichten mehrheitlich kürzer (bisweilen sehr kurz), scheint der Ton ein wenig anders. Wohl präsentiert sich der Autor auch hier als atemloser Weltreisender, der dem Leser einen Koffer voll mit packenden Begegnungen und atemberaubenden Geschichten hinstellt. Doch beim Auspacken zeigt sich, dass die Erzählungen gediegener, reflektierter, nachdenklicher wirken; ein wenig so, als habe sich der Autor bei aller Sucht nach Leben mehr Zeit genommen, innezuhalten und Bilanz zu ziehen. Eines jedoch bleibt: Langeweile ist es nicht, die sich da wie ein roter Faden durch die Geschichten von unterwegs zieht. Nein, Altmanns Neugier weist den Weg durch die zehn Kapitel, wobei jeder Versuch einer Ordnung angesichts der Komplexität des Lebens von vornherein zum Scheitern verurteilt ist und auch hier eher willkürlich bleibt.
Sei wachsam!
Altmanns Angriffslust ist geblieben. Auch in Sucht nach Leben ist der Autor nicht als simpler Neugieriger unterwegs. Sondern als Bomben-, nun ja, Bömbchenleger, der den Leser „mit Sehnsucht vergiften“ will. Altmann sieht sein Buch als Attacke auf die „Gedanken und ranzigen Gewohnheiten, als Störenfried, um die Friedhofsstille in unseren Köpfen zu verscheuchen, um uns wieder an den Witz "ewiger Wahrheiten" zu erinnern, um uns einzubläuen, dass uns nichts anderes sicher ist als dieses eine Leben. Das er keinesfalls in einem bausparvertragsfinanzierten Häuschen verbringen will, „gebuckelt von Hypotheken und Ratenzahlungen“.
Und doch begleiten wir ihn in einer der Geschichten ins Wüstenrot-Büro einer kleinen mitteleuropäischen Großstadt und betrachten vergnügt seine Eulenspiegeleien: „Dem Sohn zum Geburtstag eine Weltreise schenken oder ihm einen Grundstock zur finanziellen Absicherung legen?“ Die Erwartungshaltung des professionellen Weltreisenden ist klar. Und die Antwort des „Finanzdienstleistungsspezialisten“ überraschend. Wie vieles in diesem Band.
Überraschend, bestürzend, zum Weinen schön, zum Verzweifeln tragisch – die Geschichtensammlung ist ein Trip durch alle Lebens- und Daseinszustände. Wahrgenommen von einem, der mit wachen Sinnen und einem leistungsfähigen Hirn durch die Welt zieht. Und der über das Talent verfügt, seine Wahrnehmungen in eine Sprache zu hüllen, die betört: mit ihrem Reichtum, ihrer Wärme, ihrem Spielwitz. Ein Buch, nicht nur für Altmann-Aficionados. Sondern für alle, die Lust und den Mut haben, sich auf die Fülle des Lebens einzulassen.