Für Nicholas Boyle ist die deutsche Literatur Beamtenliteratur bzw. Postbeamtenliteratur, womit ich jetzt nicht Briefträgerliteratur meine, sondern Literatur von Ex-Beamten für Noch-Beamten und Nicht-mehr oder Noch-nicht-Beamten. Dieser Außenblick ist für deutsche Leser überaus interessant.
Aber diese Literaturgeschichte ist – das darf über die recht reizvolle These nicht hinwegtäuschen – für den englischen Markt geschrieben worden und hat daher auch ein gewisses Potenzial des Auf-die-Nerven-Gehens, da Boyle die deutsche Literatur beständig in Abhängigkeit der englischen zeichnet, was ihm Übelmeinende als nationalistische Grundhaltung auslegen könnten.
Natürlich ist so eine geraffte Literaturgeschichte nicht frei von Makeln und von einer gewissen argumentativen Taschenspielerei. Ihr Versprechen, den Lesern flott einen Einblick zu verschaffen, der eigentlich über Jahre erarbeitet werden will, kann dann auch nur zum Preis der Blindheit eingelöst werden, eine Blindheit, die von der Überblendung einer These wie der Boyleschen herrührt. Und über das Auswahlproblem bei den Autoren müssen wir hier erst gar nicht sprechen.
Das Lechzen der Leser
Kleine Literaturgeschichten sind also wie anregende Aperitifs zu lesen, prickelnd, aber eben doch nur Small Talk angereichert durch eine überraschende Pointe – und das ist ja nicht nichts! Denn so eine Rückführung der gesamten Masse an Nationalliteratur auf nur eine prägnante These hat natürlich auch immer seinen Reiz. Nicht zuletzt lechzt ja der Leser - der sich heutzutage einer unüberschaubaren Masse an Büchern gegenübersieht, die ihn selbst als immer unwichtiger erscheinen lässt - nach Einblick, Überblick und Orientierung. Und demnach wird hier ein Markt bedient, der es Professoren auch mal erlaubt, prägnanter zu arbeiten und sich einem größeren Publikum vorzustellen. Denken Sie nur mal an Heinz Schlaffer und seine Literaturgeschichte – was für ein Tamtam, am Rande des Radaus! Das wünscht sich so ein Professor doch, der ansonsten nur Symposien, Seminare und Sekretariate hat.
Nicholas Boyle ist ein Erzähler, kein Belehrer. Sein Gegenstand ist mächtig und doch beherrscht er ihn mit der Eleganz der Knappheit - was übrigens nicht ganz selbstverständlich erscheint angesichts seiner zweitausend Seiten starken Goethe-Biographie.
Dass die deutsche Literatur ein Sonderweg zwischen den großen Nationalliteraturen einschlägt, das weiß ein einigermaßen informierter Leser bereits. Dass der nun vom Konflikt zwischen Bürger- und Beamtentum herrührt ist (beinahe) neu. (Man vergleiche hierzu Theodore Ziolkowski: Das Amt des Poeten. Die deutsche Romantik und ihre Institutionen.) Der Beamte hat loyal zu sein, der Bürger strebt nach Gedankenfreiheit – soweit der offensichtliche Konflikt. Dass der aber noch bis ins zwanzigste Jahrhundert hineinreichen soll? Die Buddenbrooks und Doktor Faustus ruft Boyle hierzu in den Kronzeugenstand.
Boyle ist eigenwillig, was im Grunde des Wortes natürlich eine Voraussetzung für solche ein gewagtes Buch sein muss. Mit eigenwillig meine ich hier aber auch eine gewisse britisch-professorale Verschrobenheit, die einen durchaus belesenen Rezipienten benötigt, um die zahlreichen boyleschen Urteilsverkündungen auch kritisch überprüfen zu können und mit einer gewissen Gelassenheit zu nehmen, gerade wenn man spürt, dass seine Geschichte insgesamt recht stracks auf einen finsteren Höhepunkt, den Nationalsozialismus, hin geschrieben scheint.