Horaz gehörte bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts noch zum fest verankerten Bildungsgut in ganz Europa, die Elite kannte seine Verse auswendig, seien es Engländer oder Deutsche, wie hier die Ode 1.9, die Fermor dann gleich bis zum Ende rezitierte.
Das ist lange her...
Nach dem Krieg fiel der Lateinunterricht mehr und mehr aus, humanistische Bildung wird immer kleiner geschrieben, bis sie jetzt fast völlig verschwunden ist. Und von der Begeisterung für „Flaccus’ Odenfeuer“, wie noch Seume schwärmte, der ihn auf seinem Spaziergang nach Syrakus mitnahm, ist nichts mehr übrig als ein paar Sentenzen und Zitate, wie das wohl berühmteste „carpe diem“. Dabei ist Horaz einer der wenigen lateinischen Dichter, dessen Werke vollständig überliefert wurden. Schon zu Lebzeiten wurde er sehr geschätzt, und jetzt versucht Niklas Holzberg, in einem schönen, gebildeten Buch ihn noch einmal für uns zu retten.
In einer feinen, manchmal mit Selbstironie durchsetzten Gelehrtensprache bemüht er sich, dem heutigen Leser die stilistische Wunderwelt des Horaz nahezubringen. Nach einem recht kurzen Kapitel über das Leben des Quintus Horatius Flaccus, über den es nur wenige verbürgte Zeugnisse gibt, geht es gleich „in medias res“ (Horaz): nämlich in die detaillierte Darstellung und Deutung des Werks, von den Satiren über die Epoden zu den großen Oden und Episteln. Holzberg erläutert die einzelnen Werke sehr kenntnisreich und bettet sie vor allem in den historischen Zusammenhang.
So lernt man bei Holzberg viel über die damaligen Herrscher, die Intrigen, Morde und Schlachten der nachcäsarischen Zeit, in der Horaz lebte, die erst mit Augustus etwas sicherer wurde. Wir erfahren viel über die philosophischen Auseinandersetzungen zwischen Stoikern, Epikureern und anderen Moralphilosophien und vor allem sehr viel über die Dichtkunst der römischen Zeit. Immer wieder referiert und erklärt Holzberg die rhythmischen Grundlagen von Horaz’ Poesie, demonstriert in metrischer Wiedergabe Distichen und Oden, bis er selbst einmal sagt:
„Doch brechen wir vorläufig die Schulstunde über Metrik ab!“
Dennoch: Notwendig sind solche Exkurse, da nur die wenigsten noch Latein lesen können. Umso bedauerlicher, dass die schöne Sprache nicht auch im Original zu lesen ist, sondern nur in Holzbergs eigener Übertragung.
Sehr detailliert geht Holzberg auf die einzelnen Verse auch inhaltlich ein, zieht Querverbindungen, interpretiert vorsichtig und breitet ein überbordendes Material aus. Leider wird es dem Leser dann auf Dauer doch sehr mühsam, allen Verästelungen zu folgen, und ein wenig ermüdend. Die Lust am Lesen, die Lust am Horaz schwindet im Verlauf des Buches immer mehr, und man mag es am Schluss nur noch als Nachschlagewerk für Interpretationen zu benutzen. Und das ist denn doch ein bisschen zu wenig für so einen großen Aufwand.