„Der völlig ehrgeizlose Schriftsteller und das wirklich gute unveröffentlichte Gedicht sind die Dinge, die uns heute am meisten fehlen“, zitiert Ernest Hemingway in Paris – ein Fest fürs Leben seinen Kollegen Evan Shipman, lässt ihn freilich schließen mit: „Aber, natürlich, leben muß man auch.“
Wir wissen nicht, wie viele ehrgeizlose Schriftsteller unveröffentlichte Texte zu verantworten haben, dass jedoch die publizierenden Autoren leben müssen, können wir nachvollziehen. Wenn sie ihr Metier aufgeben, dann in der Regel aus „externen“ Gründen, weil beispielsweise politische Zensur sie am Publizieren hindert, oder weil der Markt (rsp. die lesende Öffentlichkeit) meint, ihrer nicht mehr zu bedürfen.
Ulrich Horstmann, Professor für Anglistik und Amerikanistik an der Universität Gießen, nimmt sich eines ungewöhnlichen Themas an. Er forscht in einer ganz anderen Literaturgeschichte nicht besagten „externen“, sondern den „endogenen Ursachen“ nach, die Autoren dazu gebracht haben, nicht mehr zu schreiben und zu veröffentlichen, analysiert, wie es ihnen mit dieser Entscheidung erging: Wen der berüchtigte „writer’s block“ trifft, „der verliert seine Lebensaufgabe, seinen Lebenszweck, seinen Lebenssinn“.
Horstmann stellt die These auf, die „Aufgabe der Literatur“ sei dabei nicht unbedingt eine Folge privater Schicksalsschläge, sondern ein Phänomen der Moderne mit all ihren Experimenten und kulturellen Umbrüchen, werde doch den Schriftstellern „über den ständig wachsenden Innovationsdruck hinaus ein Lernprozeß von nie dagewesener Rigorosität und Schmerzhaftigkeit zugemutet, weil sich die Aufgabe der Literatur um die Aufgabe der Literatur erweitert“.
Von Friedrich Hölderlin, der, dem Wahnsinn verfallen, zurückgezogen in seinem Tübinger Türmchen unter dem Pseudonym Scardanelli eine Restproduktivität pflegte, über Rimbaud und Koeppen bis zu Philip Larkin und Wolfgang Hildesheimer, die sich bewusst und für Horstmann vorbildlich „auf fast ostentative Weise undramatisch“ für die Aufgabe ihrer Literatur entschieden, reicht der Reigen, an Hand dessen Horstmann seine These zu belegen sucht. Robert Walser, der sich als Insasse der Heilanstalt Herisau vom Literaturbetrieb zurückzog; Ambrose Bierce, der sich nicht nur als Figur des literarischen Lebens auslöschte, sondern auf so mysteriöse wie inszenierte Weise auch als Person verschwand und bis heute verschollen ist; Samuel Beckett, der raffiniert die Sprachlosigkeit des Dichters zum Thema seines gesamten Werkes machte und so die laut Horstmann „neue Zielvorgabe des gelungenen Scheiterns“ mustergültig erfüllte.
Man muss Horstmann nicht en détail auf seinem sich vor allem auf ästhetische Aspekte konzentrierenden Argumentationsweg folgen – zumal es auch Beispiele gibt, die in ihrer Profanität den existentiellen Motivgrund der Horstmann-Beispiele konterkarieren – Wilhelm Raabe etwa, der es schlicht so hielt, beim Erreichen eines „Rentenalters“ den Ruhestand vorzuziehen. Immer aber sind Horstmanns Porträts „abgeschriebener“ Autoren in jeder Beziehung originell und laden dazu ein, sich mit der grundsätzlichen Frage nach den Motiven des Schreibens und ihrer Veränderung in zunehmend aliterarischen Zeiten zu beschäftigen: „Wo sich alles abstrampelt und überbietet, sticht nämlich allein noch der Untätige hervor.“
Dass Horstmann im Unrecht sein möge, muss freilich die Hoffnung von uns Lesenden sein, sind wir doch ganz unbedingt auf so ehrgeizige wie tätige Schriftsteller und deren gute, veröffentlichte Texte angewiesen.