Nun ist ein weiterer Schlüsseltext dieses so originellen wie selbstständigen Denkers neu erschienen: In Die Religion des Kapitals stellt Lafargue die Macht des Kapitals als ein quasireligiöses System dar. Er geht mit diesem Pamphlet ganz andere Wege als sein Schwiegervater Karl Marx. Diese Satire ist todernst und ihrer Zeit weit voraus. Lafargue war kein Nachbeter und auch kein billiger Epigone. Es gilt, ihn wiederzuentdecken, als das, was er wirklich war: ein souveräner und überaus gewitzter Geist.
1911 beging das Ehepaar Lafargue Selbstmord. Mit Zyankali. Vorher hatten Laura und Paul noch die Oper besucht und gut gegessen. 15.000 Menschen folgten dem Trauerzug zum Friedhof Père Lachaise. Und diesmal war es kein geringerer als Lenin, der die Grabrede hielt.
Laura Marx schrieb zuvor: „Gesund an Körper und Geist ergebe ich mich dem Tod vor dem unerbittlichen Alter, das alle meine Freuden am Leben nacheinander gestohlen und mich meiner körperlichen und geistigen Kräfte beraubt hat. Es lähmt meine Energie und endet mit meiner Willenskraft und macht mich für mich und andere zur Last. Seit Jahren habe ich mir versprochen, das Alter von siebzig Jahren nicht zu übertreffen; ich habe die Zeit für mein Scheiden aus diesem Leben gewählt und die Mittel zur Ausführung dieser Entscheidung vorbereitet: eine Unterhautinjektion von Blausäure. Ich sterbe mit dem größten Glück die Gewissheit zu haben, dass sehr bald der Triumph kommen wird, den ich seit 45 Jahren angestrebt habe. Lang lebe der Kommunismus! Lang lebe die Internationale!“