Das Jetzikon. 50 Kultobjekte der Nullerjahre
21.01.2010
Schott sei Dank!
Nicht ohne Selbstironie verorten die beiden Herausgeber ihr Jetztikon in die Reihe jener Belanglosigkeiten-Verzeichnisse, die mittlerweile veröffentlicht wurden. Das Buch soll allerdings nicht dem Zweck der bloßen Auflistung dubioser Fakten dienen... Von CHRISTIAN NEUBERT
Zu Beginn dieses Jahrtausends hat der Engländer Ben Schott nach sorgfältiger und ebenso spleeniger Rechercheleistung etwas geschaffen, das ihn zum Bestsellerautor gemacht hat – er hat ein Sachbuch mit unnützem Wissen herausgebracht, hierzulande bekannt als Schotts Sammelsurium. Im Hinblick auf die vermeintliche Wissensgesellschaft, die die Industriegesellschaft abgelöst haben soll, sehen die beiden deutschen Journalisten Moorstedt und Schrenk in Schotts Kompilation den Hinweis darauf gegeben, „dass Wissen, anders, als die im Grunde sehr naiven Kanonverfechter, Pisa-Streber und Wissensmanager behaupteten, nicht die Lösung sein konnte.“ Schott hat ihnen zufolge mit seinem Sammelsurium nicht nur eine „Liebeserklärung an die absurde Schönheit der Welt“ zusammengeklaubt, sondern gleichzeitig ein Produkt geschaffen, das nur das letzte Jahrzehnt in dieser Form hervorzubringen imstande war.
Nicht ohne Selbstironie verorten die beiden Herausgeber ihr Jetztikon in die Reihe jener Belanglosigkeiten-Verzeichnisse, die, Schott sei Dank, mittlerweile veröffentlicht wurden. Das Buch soll allerdings nicht dem Zweck der bloßen Auflistung dubioser Fakten dienen – es soll den Zeitgeist der letzten Dekade konservieren, indem in ihm 50 Objekte, die für die Nullerjahre typisch und symptomatisch waren, wie in einer Museumsvitrine aufgebahrt werden. So ist das Jetztikon als eine Art Zeitkapsel zu verstehen, die, wenn auch auf schnell vergänglichem Papier gedruckt, bestimmt trotzdem die eine oder andere Obskurität, die die letzten Jahre hervorgebracht hat, überdauern lässt.
Flüchtige Augenblicke
Dass wir in einer schnelllebigen Zeit leben ist mittlerweile ein alter Hut. So scheint die im Jetztikon aufgeführte, inflationär ausgestellte „Mitgliedskarte eines Raucherklubs“ in der Form, wie es sie – gerade? – noch gegeben hat, bereits zum Relikt geworden zu sein. Auch das vor wenigen Sommern noch omnipräsente „Arschgeweih“ ist mittlerweile vom Stern-Tattoo abgelöst worden – was zukünftigen Sammelsurien-Autoren die zu ermittelnde Frage aufwirft, an welchem denkwürdigen Tag wohl das erste Arschgeweih aus Sternen gestochen wurde. Und während Anfang der Neunziger das Mobiltelefon nur einer überschaubaren Zahl von Wichtigen und Wichtigtuern vorbehalten war, hat sich nur zehn Jahre später das „Smartphone“ zum Must-have der Banken und Büros – und mittlerweile der Klassenzimmer – entwickelt. Wie flüchtig die Augenblicke jedoch tatsächlich geworden sind, bemerkt man bei der Lektüre des kleinen Kultobjektkompendiums allerdings vor allem dann mit Drastik, wenn man verdutzt feststellt, dass „Coffee Cups“ und „Rollkoffer“ das Stadtbild wirklich erst seit einigen wenigen Jahren prägen. Erstaunlich, wie schnell man vergessen hat, dass man früher keineswegs ständig und fast schon zwanghaft einen Kaffee in der Hand gehalten hat – schließlich brauchte man diese ja für seinen noch räderlosen Koffer.
Sudoku - wo bist du?
Neben den eben erwähnten Errungenschaften, die prägend für die Nullerjahre waren, werden zu den 50 Kultobjekten noch u.a. Pokerkarten, Bionade, Männergesichtscreme, Nordic-Walking-Stöcke, der USB-Stick, Tamiflu, die Sice-Zero-Jeans, der Flatscreen-TV, das Navigationssystem und die Wii Remote-Konsole gezählt. Dass die aufgeführten Objekte auch lediglich aus Bits und Bytes bestehen können, belegen das Facebook-Profil und die Spam-Mail. Einige wichtige Zeitgeistentgleisungen haben es allerdings nicht in die Top 50 von Moorstedt und Schrenk geschafft. Vergebens sucht man das (oder den?) Sudoku, dem das gute, alte Kreuzworträtsel zum Opfer gefallen ist. Oder, überaus bezeichnend für die Nullerjahre, Dauer-Telefonsex-Werbesendungen, die durch Telefonsexwerbung unterbrochen werden. Genauso wenig hat es dieses neuartige TV-Format der speziellen Chartshow, das allwöchentlich mit Titeln wie „die 50 erfolgreichsten One-Hit-Wonder“, „die 50 besten Ballermannhits“ oder „die 50 romantischsten Filmmomente“ auf die Nerven ging, in das Buch geschafft.
Ein wenig ist Moorstedts und Schrenks Kultobjekt-Verzeichnis diesen Chartshows ja durchaus ähnlich. Aber sei´s drum: ihr Jetztikon ist ein Buch, das man gerne geschenkt bekommt. Nicht umsonst hat es seinen Weg in den Buchhandel noch vor dem Weihnachtsgeschäft geschafft. Ähnlich hohe Verkaufszahlen wie Roman Leuthners Nackt duschen streng verboten oder Sprangs und Nöllkes Aus die Maus: Ungewöhnliche Todesanzeigen, die garantiert zuhauf auf dem Gabentisch gelandet sind, hat das Jetztikon auf jeden Fall verdient.
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