Vom Kuppelsaal zum Bücherspeicher
Wie aus Inventarlisten allmählich Bibliothekskataloge entstanden, wie der Beginn des modernen Titelblatts die alphabetische Katalogisierung begünstigte und die Geburt der Signatur Büchern adressierbar machte – das bereitet Jochum auf eine Weise auf, die nicht nur Bibliothekare interessieren dürfte. Apropos: regelmäßige Etatzuweisungen, verbesserte Kataloge und effiziente Ressourcenoptimierung führten schließlich im fortgeschrittenen 19. Jahrhundert zur Ausbildung eines eigenen bibliothekarischen Berufsbildes jenseits des gelehrten Bibliothekars wie es noch Leibniz und Lessing, Hölderlin und Hebbel waren.
Gleichzeitig fand die moderne Industrialisierung auch ihren Nachklang in der Bibliotheksarchitektur: weg von den Kuppelsälen, wie man sie aus der französischen Nationalbibliothek oder der British Library kannte, hin zu funktionalen Gebäuden, die sich als Bücherspeicher verstanden, mit von Lagerhallen inspirierten Magazinen.
Über die Entwicklung von Gesamtkatalogen, Bibliotheksverbünden und der modernen Fernleihe landen wir unversehens im Internet-Zeitalter, das Bibliotheken in ihrer langen Geschichte eine komplett neue Positionierung abverlangt. Kritisch beleuchtet Jochum die Probleme und Fallstricke der derzeitigen Digitalisierung. Und warnt: die vollständige digitale Transformation unserer kulturellen Überlieferungen ist kein triviales Unterfangen.
Zwei Abbildungen, die am Ende des Buches nur zwei Seiten auseinander liegen, lassen die Zeitenläufte zusammenschrumpfen: Ist es ein Zufall, dass wir auf einem Architekturmodell der geplanten neuen Stuttgarter Stadtbücherei das Wort „Bibliothek“ in derselben antiquierten Frakturschrift vorfinden wie auf einem Wegweiser zur altehrwürdigen Admonter Klosterbibliothek?