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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 14:57

Siri Hustvedt: Die zitternde Frau

11.03.2010

Die Frau, die ihr Zittern mit einer Krankheit verwechselte

 

Von der glamourösen Erfolgsschriftstellerin zu einem schlotternden Häuflein Elend – Siri Hustvedts neues Buch ist schonungslos offene Lebensbeichte, minuziöser Krankheitsbericht und wissenschaftliche Abhandlung in einem. Von INGEBORG JAISER

 

Siri Hustvedt, die ebenfalls der Literatur verfallene Ehefrau von Paul Auster, gilt gemeinhin als kluge, intelligente Schriftstellerin, jedoch auch als zerbrechliche, dünnhäutige, ätherische Schönheit. Bekannt wurde sie durch Romane wie Was ich liebte oder Die Leiden eines Amerikaners, die einen psychologisierenden Blick auf die Tragödien des modernen Menschen werfen. In ihrem neuen Buch hat sie sich selbst zur Hauptfigur stilisiert, ist Subjekt und Objekt, Schöpfer und Schaffenswerk, Arzt und Patientin in einem. Kein leichter Ansatz und kein leichtes Sujet. Wer entspannende Bettlektüre sucht, ist hier fehl am Platze. Doch anspruchsvolle Leser mit einem fundierten Interesse an Medizin und Psychologie werden auf ihre Kosten kommen. 

 

Wie alles begann: zweieinhalb Jahre nach seinem Tode hält Siri Hustvedt eine Gedenkrede auf ihren geliebten Vater Lloyd, einem Norwegisch-Professor in Minnesota. Die durchaus medienerfahrene, öffentlichkeitstaugliche Tochter ordnet noch schnell ihre Karteikarten, setzt dann zum Sprechen an – und wird von einem heftigen, urplötzlichen Zittern geschüttelt. Zwar funktioniert ihr Sprachvermögen uneingeschränkt, so dass sie die Rede problemlos zu Ende bringen kann, doch vom Hals an abwärts wird sie wild durchgerüttelt, als hätte eine fremde Macht von ihr Besitz ergriffen. Siri Hustvedt ist entsetzt, glaubt an einen einmaligen Anfall, doch die unkontrollierten Konvulsionen häufen sich auch bei späteren öffentlichen Auftritten.

 

Epilepsie oder Hysterie?

Angesichts Siris vollem Terminkalender, angesichts all der Interviews, Lesungen, Kurse und  Ansprachen, könnte man eine allzu verständliche Überreiztheit und Erschöpfung vermuten. Doch die Schriftstellerin beteuert, niemals von Lampenfieber oder Aufregung befallen zu sein. Mit der brennenden Neugier eines Wissenschaftlers macht sie sich an die Erforschung ihres Leidens. Als Migränepatientin hat sie bereits Erfahrung mit vielfältigen Diagnosemethoden, diffusen Medikamentencocktails und der unweigerlichen Odyssee durch Arztpraxen und Kliniken. Nun liest sie sich manisch durch die psychologische, neurologische, medizinische Fachliteratur. Vergleicht, bewertet, analysiert – und scheut auch vor Selbstdiagnosen nicht zurück. Sollte es sich um Epilepsie handeln, um Hysterie, um Konversionsstörungen oder eine mysteriöse Nervenkrankheit? Zwar bringt ihr ein Beta-Blocker kurzfristige Linderung, die Ärzte finden jedoch keine stimmige Erklärung.

 

Fallgeschichten wie Novellen

Hustvedts wissbegierige Expedition in die verborgenen Tiefen ihres Ichs ist ein Parforceritt durch psychoanalytische Ideen, philosophische Thesen und medizinische Erkenntnisse. Gekonnt referiert sie die Quintessenz ihrer Lektüre, bereitet spektakuläre Fallgeschichten neu auf. Das hat durchaus literarische Qualitäten. Schon Freud staunte darüber, dass sich seine Fallbeschreibungen wie Novellen läsen. Und der Neuropsychologe Oliver Sacks stellte seinem legendären Buch Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte folgendes Motto voran: „Ein Gespräch über Krankheiten ist eine Art Erzählung aus Tausendundeiner Nacht.“

 

Auch Siri Hustvedt ist eine kluge Erzählerin und weiß ihre Leser zu fesseln. Selbstbewusst  reiht sie sich in die lange Reihe von Schriftstellern ein, die es „mit den Nerven hatten“: Fjodor Dostojewski, Gustave Flaubert, Paul Celan oder Virginia Woolf. Doch selbst wenn Hustvedts Zittern nur einer ungewöhnlichen Feinfühligkeit und Überspanntheit zuzuschreiben sein sollte: Es gab immerhin Anlass zu diesem packenden Buch über die wundersamen Verflechtungen von Körper, Geist und Seele.

 

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