Siri Hustvedt, die ebenfalls der Literatur verfallene Ehefrau von Paul Auster, gilt gemeinhin als kluge, intelligente Schriftstellerin, jedoch auch als zerbrechliche, dünnhäutige, ätherische Schönheit. Bekannt wurde sie durch Romane wie Was ich liebte oder Die Leiden eines Amerikaners, die einen psychologisierenden Blick auf die Tragödien des modernen Menschen werfen. In ihrem neuen Buch hat sie sich selbst zur Hauptfigur stilisiert, ist Subjekt und Objekt, Schöpfer und Schaffenswerk, Arzt und Patientin in einem. Kein leichter Ansatz und kein leichtes Sujet. Wer entspannende Bettlektüre sucht, ist hier fehl am Platze. Doch anspruchsvolle Leser mit einem fundierten Interesse an Medizin und Psychologie werden auf ihre Kosten kommen.
Wie alles begann: zweieinhalb Jahre nach seinem Tode hält Siri Hustvedt eine Gedenkrede auf ihren geliebten Vater Lloyd, einem Norwegisch-Professor in Minnesota. Die durchaus medienerfahrene, öffentlichkeitstaugliche Tochter ordnet noch schnell ihre Karteikarten, setzt dann zum Sprechen an – und wird von einem heftigen, urplötzlichen Zittern geschüttelt. Zwar funktioniert ihr Sprachvermögen uneingeschränkt, so dass sie die Rede problemlos zu Ende bringen kann, doch vom Hals an abwärts wird sie wild durchgerüttelt, als hätte eine fremde Macht von ihr Besitz ergriffen. Siri Hustvedt ist entsetzt, glaubt an einen einmaligen Anfall, doch die unkontrollierten Konvulsionen häufen sich auch bei späteren öffentlichen Auftritten.