Hinter dem nüchternen Titel Das weibliche Geschlecht verbirgt sich kein Anatomiehandbuch für den Medizin-Grundkurs, sondern ein „ziemlich ungenierter“ Bildband, der nichts anderes zeigt als: Vulven. Das mag man als pornografisch oder zumindest als monothematisch erachten, aber genau das Gegenteil ist der Fall. Diese Bildersammlung ist aus ästhetischen, politischen und didaktischen Gründen sehr wichtig, findet MARTIN BEYER.
Die Einsicht, dass Rezensionen gelegentlich mehr über den Rezensenten verraten als über den zu begutachtenden Gegenstand, mag älter sein als jeder sprichwörtliche Hut. Was aber, wenn der Rezensent genau aus diesem Grund so etwas wie – sagen wir es ruhig – Angst vor dem Rezensionsobjekt bekommt? Denn was verrät eine Rezension über den Kritiker, wenn es sich um einen Vulven-Bildband handelt? Ganz recht: Der Fotoband Das weibliche Geschlecht von Nick Karras zeigt nichts anderes als Vulven in ihrer ganzen Vielfalt – und Schönheit. Wie aber, als Mann, darüber schreiben? Verrät sich hier nicht doch hinter jeder Zeile der „männliche Blick“, lüstern, voyeuristisch, verrät sich nicht hinter jeder ach doch so souverän und aufgeklärt gemeinten Formulierung die eigene Verklemmung?
Es gehört zu den großen Vorzügen dieser Bildersammlung, dass sie solche kleinlichen Bedenken sofort zerstreut. Das Buch von Karras ist aus mehreren Gründen viel zu wichtig, als dass man sich lange mit persönlichen Befindlichkeiten aufhalten dürfte. Elf Verlage haben in den USA diese Sammlung als „zu heiß“ abgelehnt, bevor der Fotograf Nick Karras das Buch im Selbstverlag herausbrachte – und offensichtlich einen gesellschaftlichen und ästhetischen Nerv traf. Was waren seine Motive? Es ging ihm um die (Wieder-)Entdeckung von natürlicher Schönheit, der Schönheit der intimsten Stelle des weiblichen Körpers. Es ging ihm um die fotografische Herausforderung, diese Schönheit zu zeigen, ohne dabei pornografisch zu werden. Und – wenn man Karras auf der sehenswerten Begleit-DVD zu diesem Bildband zuhört – ging es ihm auch über die Überwindung eigener Grenzen und familiär bedingter Verklemmtheiten.
Blütenblätter anstatt Pornografie
Dass dieses Projekt immer noch und immer wieder alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist, wurde Karras klar, als er seine Modelle nach den Namen fragte, die sie ihren Genitalien geben. Viele hatten keinen Namen für diese so tabubesetzte „Stelle“ ihres Körpers. Petals – „Blütenblätter“ hieß dann der poetische Titel für den Bildband im Original. Warum der deutsche Verlag auf diesen Titel verzichtet hat, ist etwas rätselhaft.
Die Bilder sind vom Verdacht der Pornografie freizusprechen. Karras ist es gelungen – auch wenn es wie ein Paradox klingt – Intimität mit einem neugierigen, aber nicht lüsternen Blick zu fotografieren. Dazu hat er sich für Schwarz-Weiß-Aufnahmen entschieden, die er mit einem Sepia-Filter abgetönt hat. Man muss nicht philosophische Abhandlungen über das Naturschöne gelesen haben, um die Ästhetik dieser Bilder zu legitimieren. Sie sprechen für sich selbst, und sie werden in jedem Betrachter, der sich darauf einlassen will, etwas auslösen.
Das Naturschöne und die Designer-Vagina
Was dieses Buch dann aber tatsächlich ausgelöst hat, ist noch viel mehr: Es hat - die DVD dokumentiert es - viele Frauen dazu ermutigt, eine befreiende Reise in das weibliche Selbst anzutreten, ihr Körpergefühl, ihr Selbst-Bewusstsein zu stärken. Und dieser Bildband ist in Zeiten, in denen „Schönheitsoperationen“ an der Vulva ein Trend geworden sind, durchaus ein Politikum.
Vaginaloperationen gehören mittlerweile zu den vierthäufigsten Eingriffen plastischer Chirurgie. Von medizinischer Notwendigkeit natürlich abgesehen: Besonders der Wunsch nach Schamlippenreduktionen ist in jüngster Zeit immer stärker geworden, da sich ein Schönheitsideal durchzusetzen scheint, das sich an manipulierten Fotografien aus Mode- und Pornozeitschriften orientiert. Die Designer-Vagina ist auf dem Vormarsch. Frauen und vor allen natürlich Männer, die diese „Schönheitsideal“ einfordern, von diesem Irrglauben zu befreien, dafür könnte dieser Bildband einen wichtigen Beitrag leisten. Eine Gefahr besteht jedoch, und das wird auch durch den beigelegten Dokumentarfilm deutlich: In den USA hat das Buch eine Art Überkonsens ausgelöst. Von Hustler bis zur lesbischen Vereinigung, alle finden dieses Buch toll und wichtig.
Und wie mit allem, das alle toll und wichtig finden: Es droht im Konsenssumpf unterzugehen. Trotzdem sei diesem Band mindestens doppelt so viel Betrachter- und Leserschaft gewünscht wie den schlüpfrigen Feuchtgebieten einer Charlotte Roche. Aber bei aller ungenierten Befürwortung sollte nicht vergessen werden, das Buch vor Vereinnahmungen und Missverständnissen zu schützen. Dann steht einer „freudvollen Reise durch den Vulvagarten der Lust“ (Betty Dodson) nichts mehr im Wege. Oder, wie es eines der Modelle von Nick Karras ausdrückt: „I’m exposed – and it’s okay!“
Das ist ein TATORT, der gut gefallen kann. Mag sein, es kommt zum Ende hin ein bisschen dicke. Aber wie man’s nimmt. »Wir freuen uns, in der Reihe Tatort am Pfingstmontag mit ...
Ich liebe den 1. Mai. Tag der Arbeit! Der Tag an dem wir den Vorkämpfern der Arbeiterbewegung gedenken. Der Tag, an dem wir demütig unsere Häupter neigen vor | weiterlesen
Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...
Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...
Üppige Figuren und bunte Farben sind die Markenzeichen des kolumbianischen Malers Fernando Botero. Anlässlich seines 80. Geburtstags zeigt die Galerie Samuelis Baumgarte Bilder, ...