Len Brown: Im Gespräch mit Morrissey
29.04.2010
Der "Mozzer" gibt Auskunft zu Leben und Werk
Manchmal spürt man sofort, dass man etwas Bedeutsames in den Händen hält: das "Low"-Album von David Bowie, "big science" von Laurie Anderson, die beiden LPs der Nina Hagen Band - das alles Beispiele für Produktionen, die seinerzeit geeignet waren, STEFAN HEUERS Sozialisation auf musikalischem Gebiet voranzutreiben. Und eben auch das 1984 erschienene Debüt-Album der Smiths, mit dem die Stimme von Morrissey und das unverkennbare Gitarrenspiel eines Johnny Marr in sein noch junges Leben traten: eine Offenbarung mit nachhaltiger Wirkung!
Mein Schwiegervater, dessen Interesse eher dem Heimwerken gilt als der Kultur, pflegt, angesprochen auf ihm unbekannte Musiker oder Autoren, trotzig zu antwortenk: Der kennt mich ja auch nicht! Ganz so abwegig ist diese Sichtweise nicht, und auch meine Beziehung zu Steven Patrick Morrissey, der schon früh seine Vornamen zu den Akten legte, ist eine eher einseitige.
Zweimal hatte ich mich zu einem seiner Konzerte auf den Weg gemacht, beide Male sagte er unser Rendezvous kurzfristig ab. Beim ersten Mal, weil er kurz vor dem Konzert erfuhr, dass die entsprechende Konzerthalle vormals als Schlachthof gedient hatte, was es dem bekennenden, nahezu militanten Vegetarier unmöglich machte, dort aufzutreten. Beim zweiten Mal während der 1995er Outside-Tour von David Bowie, bei der Morrissey bei den Europa-Terminen als "Vorband" auftreten sollte - eine Rolle übrigens, die ihm immer weniger zusagte, bis er sich schließlich krankheitsbedingt abmeldete.
"Bring dich doch um, wenn´s dir so scheiße geht!"
Eine Beziehung aus weiter Ferne also, was der Intensität meiner Zuneigung aber keinen Abbruch tat. War es doch zu Jugendzeiten eben so, wie es Farin Urlaub in seinem Song "Sumisu" so wunderbar beschrieben hat: Und immer, wenn wir traurig waren (und traurig waren wir ziemlich oft), gingen wir zu Dir nach Hause und da hörten wir die Smiths.
Trotz aller gefühlsmäßigen Verbundenheit konfrontierte Morrissey seine Anhängerschaft immer wieder mit gezielter Desinformation oder gezieltem Schweigen zu seinem Leben fern der Musik, zu sexueller Orientierung und seinem selbst auferlegten Zölibat. Wichtigtuerei eines verklemmten, in Schüchternheit gefangenen Mannes? Oder gilt seine Liebe tatsächlich einzig und allein Oscar Wilde, dessen Werk er seit frühester Zeit als eine seiner wichtigsten Inspirationsquellen bezeichnete?
Was für ein Buch würde man schreiben über Morrissey, eben jenen Künstler, über den selbst Cure-Frontmann Robert Smith, seines Zeichens selbst nicht gerade als Ausgeburt des Frohsinns bekannt, anno dazumal sagte, er „solle sich doch endlich umbringen, wenn es ihm so scheiße ginge!“
Ganz besonderer Nährwert
Len Browns Biografie, 2008 als "Meetings With Morrissey" in England und 2010 als deutsche Ausgabe "Im Gespräch mit Morrissey" beim Hannibal Verlag erschienen, gibt einen guten Überblick über dessen Leben und Schaffen, während und nach seiner Zeit mit The Smiths, mit denen er bis zur Auflösung der Band Ende 1987 vier reguläre Studio-Alben, mehrere Compilations sowie gut 20 Singles herausbrachte, von denen es nicht wenige in England in die Top-20 schafften.
Fans der ersten Stunde werden einiges bereits wissen, werden die Spekulationen um die sexuelle Ausrichtung des Sängers, seine Provokationen in Richtung Band Aid, die Gerüchte um den Split der Smiths sowie die nach der Trennung erfolgte kommerzielle Ausschlachtung der als Most Influential Artist Ever gehandelten Gruppe, die in mehreren Best-Of-Zusammenstellungen innerhalb relativ kurzer Zeit gipfelte, verfolgt haben. Für alle anderen, die bisher lediglich die Musik kannten und sich für Hintergründe und Zusammenhänge interessieren, ist dieses Buch, das auf zahlreichen Interviews basiert, die Len Brown im Verlauf von mehr als 25 Jahren mit dem exaltierten Sänger führte, ein guter Einstieg.
Für eine trockene Aneinanderreihung von Fakten ist Brown zu offensichtlich Fan, was vor allem dadurch deutlich wird, dass er den Sänger gerne liebevoll als Mozzer betitelt oder ihn mit sonstigen Nicknames bedenkt. Aber wer möchte bei einer Herzensangelegenheit wie dieser schon eine wissenschaftliche Abhandlung lesen ...
Als Zugabe mit besonderem Nährwert erweist sich neben den Diskografien der Smiths und Morrisseys Solo-Veröffentlichungen vor allem ein sehr umfangreiches, "A Walk On The Wild Side" betiteltes Kapitel, welches mit einem alphabetischen Who-Is-Who des morrisseyschen Universums aufwartet: Schriftsteller, Filmstars, Kolleginnen und Kollegen aus dem Musikbusiness, nicht zu vergessen diejenigen, denen die Ehre zuteil wurde, auf einem Plattencover verewigt zu werden (u.a. Elvis Presley, Alain Delon, Candy Darling) – sie alle werden ob ihrer Bedeutung für die Karriere des ehemaligen Smiths-Frontmanns gewürdigt. Ein Buch mit Potential zum Bestseller.
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