Weiss/Harrer/Dietz: Das Achtsamkeitsbuch
06.05.2010
Ruhe im Zentrum des Sturms
Man braucht kein Experte zu sein, um zu verstehen, dass das Bedürfnis nach Entschleunigung in dem Maße zunimmt, je mehr unsere technisierte und ökonomisch durchrationalisierte Kultur den Faktor Zeit verknappt. Warum aber gerade das Konzept der Achtsamkeit für das Wohlergehen des Einzelnen eine zentrale Rolle spielt, eine Art Gegengift für toxische Zumutungen, zeigt das Autorentrio Weiss/Harrer/Dietz – allesamt Kenner auf dem Gebiet. Ihr „Achtsamkeitsbuch“ ist eine, auch für den Laien, gut lesbare Einführung in diese hochrelevante Thematik. Die zahlreichen Verweise, wie auch die praktischen Anleitungen und Exkurse, machen es erfreulich praxis- wie nachschlagetauglich. Von FRANK KAUFMANN
Na endlich: das Konzept der Achtsamkeit scheint nach Jahrzehnten tatsächlich im Westen angekommen, dafür sprechen jedenfalls die zahlreichen wissenschaftlichen Studien, die es darüber mittlerweile gibt. So hat sich gezeigt, dass auf mehreren Ebenen positive Effekte entstehen, und das nicht nur nach jahrelangem Üben, sondern bereits nach wenigen Wochen. Die Gehirnfunktion nimmt zu, das Immunsystem verbessert sich, der Mensch wird leistungsfähiger, die Wahrnehmung wird gesteigert, die Konzentrationsfähigkeit steigt. Aber, und das ist das wirklich Erfreuliche: die Bereitschaft zu sozialem Verhalten und Mitgefühl nimmt ebenfalls zu.
„Achtsamkeit ist ein machtvolles Instrument auf dem Weg zu tiefer Einsicht, zu Gelassenheit und Konzentration. Sie fördert Selbsterkenntnis, Selbsteinfühlung, Selbstakzeptanz, Selbstführung und Selbstfürsorge. All diese Qualitäten können darüber hinaus in der Beziehung zu anderen Menschen wachsen, indem auch diese mit wohlwollender Offenheit wahrgenommen werden und höhere Akzeptanz erfahren. Und je näher wir dem Ziel kommen, Achtsamkeit tief ins Leben zu integrieren, desto deutlicher entsteht neben einer konzentrierten Geistesklarheit eben diese wohlwollende Selbstzuwendung und größere Gelassenheit, selbst wenn in der Außenwelt die rasende Betriebsamkeit unserer Zeit herrscht: Ruhe im Zentrum des Sturms.“
Grundlagen
Die drei Autoren, allesamt ärztliche oder psychologische Psychotherapeuten, geben im ersten Abschnitt zunächst einen Überblick über die Basics. Was ist Achtsamkeit konkret, und was kann der Übende erwarten, welche menschlichen Qualitäten werden dabei angesprochen. Zügig geben sie eine Einführung in das Konzept der Achtsamkeit, das zwar aus einer Vielzahl spiritueller, insbesondere buddhistischer Traditionen stammt und dort seit vielen Jahrhunderten gepflegt, aber hier als rein psychologisches Konzept in die moderne Welt übersetzt wird. „Außerhalb dieser Traditionen sind Definitionen von Achtsamkeit davon abhängig, bei welchen Zielgruppen und mit welchen Zielen sie angewendet werden: im Coaching von Führungskräften, zur allgemeinen Stress-Reduktion oder als Hilfe bei der Bewältigung von Krankheiten, bei Schmerz, Krebs oder zur Rückfallprophylaxe von Depression.“
Achtsamkeit, so lernen wir, setzt sich im Kern aus vier Bausteinen zusammen: Eine bewusste Lenkung der Aufmerksamkeit ist der erste Baustein, denn: „Worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, bestimmt ganz wesentlich, wie wir uns selbst und die Welt erleben.“ Der zweite Baustein besteht in der Gegenwärtigkeit, weil jede Aufmerksamkeit immer auf den gegenwärtigen Moment gerichtet ist, „auf den Fluss des Erlebens, das sich ständig verändert. Achtsamkeit ist drittens charakterisiert durch eine Akzeptanz dieses Erlebens, ohne zu urteilen, zu kritisieren oder etwas anders haben zu wollen.“ Der vierte Baustein besteht in der Kultivierung des »Inneren Beobachters«, „der durch teilnehmendes Beobachten Abstand zum Beobachteten schafft und ermöglicht, aus Identifikationen herauszutreten.
Achtsamkeitsrevolution in der Psychotherapie?
Im zweiten und besonders im dritten Abschnitt des Buches wird es besonders für professionell tätige Psychotherapeuten und Coaches interessant, zeigen die Autoren dort nämlich, welche Möglichkeiten „zur aktiven Anwendung der Achtsamkeit... mit westlichen psychologischen Konzepten“ bestehen. Darüber hinaus wird schließlich die Möglichkeit diskutiert, „Achtsamkeit auch tief und durchgängig in eine komplexe psychotherapeutische Arbeit“ zu integrieren. Achtsamkeit kommt hier zur Anwendung, „indem zwei Menschen in einem achtsamen Feld zusammenwirken. Auf diese Art wird das Potential der Achtsamkeit in einer ganz neuen Weise für Reifungsprozesse genutzt.“
Tatsächlich erscheint heute keineswegs übertrieben, und das vorliegende Buch unterstreicht diese Tendenz erneut, geradezu von einer „Achtsamkeitsrevolution“ insbesondere auch im Rahmen der Verhaltenstherapie zu sprechen. Wobei es ja noch gar nicht lange her, dass die klassische Verhaltenstherapie durch die Kognitionspsychologie revolutioniert wurde. Seither arbeitet man unter anderen Voraussetzungen, finden insbesondere Einstellungen und Bewertungen des Menschen angemessene Berücksichtigung. Doch nun gehen viele Experten noch einen weiteren Schritt: „In der Verhaltenstherapie wird im Zusammenhang mit Achtsamkeit bereits von einer »dritten Welle« der Therapie-Entwicklung gesprochen. Vielleicht bietet aber diese alte Geistesschulung sogar einen Paradigmenwechsel im gesamten Feld der Psychotherapie an.“
Die eigene Praxis im Sturm der Zeit
Rekapitulieren wir: Achtsamkeit ist eine Fähigkeit zur Innenschau, die geübt werden will und an unterschiedliche Zielgruppen und Ziele angepasst werden kann. Daher ist es nicht damit getan, den Ansatz der Achtsamkeit nur kognitiv zu inhalieren, man muss ihn auch leben – d.h. täglich üben, dem Erlernen eines Musikinstruments vergleichbar. Erst dann entfalten sich die positiven Wirkungen. Das heißt aber auch, dass Psychotherapeuten und Coaches, wie alle anderen, die professionell und grundlegend mit diesem Konzept arbeiten wollen, um eine eigene tägliche Praxis nicht herum kommen. Die Anforderungen an die eigene geistige Reife steigen, müssen doch alle Beteiligten persönliche Reifungsprozesse durchlaufen. Nur wenn der Einzelne, ob nun Laie oder Profi, bereit ist, den Übungsweg der Achtsamkeit zu gehen, also tatsächlich zu praktizieren, wird er über das rein angelesene Wissen über Achtsamkeit hinausgehen, ja überhaupt erst anfangen, davon wirklich zu profitieren.
Das vorliegende „Achtsamkeitsbuch“ mit seinen diversen Anwendungsmöglichkeiten, das sich insbesondere auch für den interessierten Laien öffnet, mag dazu beitragen, dass eine zunehmende Anzahl von Menschen die positiven Auswirkungen täglich praktizierter Achtsamkeit für sich entdecken können - das jedenfalls wünscht man sich nach der Lektüre dieses mit zahlreichen Verweisen und praktischen Anleitungen nebst hochinformativen Exkursen versehenen Buches, das erfreulich praxis- wie nachschlagetauglich ist.
Wer nun neugierig geworden ist, kann jetzt gleich mit folgender kurzen Achtsamkeitsübung beginnen, die die Autoren im Buch zitieren. Einfach bequem und aufrecht hinsetzen, anfangen und positive Wirkungen genießen:
,,Der »dreiminütige Atemraum«
Zeitbedarf: Etwa 3 Minuten, aber auch länger.
Zweck: Als Minimal-Variante einer formalen Achtsamkeitspraxis im Alltag einsetzbar.
Quelle: MBCT (Williams et al., 2009, S. 231).
- Bewusst werden: Nehmen Sie sich bewusst vor, aus dem Alltagsbewusstsein auszusteigen und wenden Sie sich der gegenwärtigen Erfahrung zu, den Gedanken (ev. benennen), Gefühlen (auch unangenehmen) und Empfindungen (auch Anspannung).
- Sich sammeln: Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf den Atem und bleiben Sie einige Atemzüge dabei.
- Ausweiten: Weiten Sie Ihr Gewahrseinsfeld, indem Sie die Wahrnehmung Ihres Atems und Ihres Körpers als Ganzes als Anker nutzen. Öffnen Sie sich allem gegenüber, was im Augenblick da ist.“
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