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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 15:07

Norbert Abels / Gustav Mahler

20.05.2010

Unter Insidern

Norbert Abels liefert Ergiebiges zur Oper. Und Gustav Mahler ernüchtert uns gewaltig. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH

 

Norbert Abels ist seit vielen Jahren Chefdramaturg der Oper Frankfurt und einer der wichtigsten „Köpfe“ dieses Hauses, das zusammen mit dem Intendanten Bernd Loebes mittlerweile zu den führenden Musiktheatern Deutschlands aufgestiegen ist. Abels ist ein Mann des improvisierten Wortes: Auch für Kenner sind seine Einführungsvorträge zu vielen Frankfurter Opernabenden immer ein Genuss. Ebenso ist er ein bedeutendes schriftstellerisches Talent - und hat nun einen umfangreichen Essayband vorgelegt.

 

Unter dem Titel „Ohrentheater“ enthält er Gesammeltes aus der Praxis eines schreibenden Produktionsdramaturgen, man könnte auch sagen: in Buchform gebrachte Programmheftaufsätze. Der beträchtliche Umfang dieses Materials ergibt natürlich keine lückenlose „Operngeschichte“, wohl aber exemplarische „Szenen einer Operngeschichte“ – so auch der Untertitel des Werkes, das der Autor selbst gerne als „Wälzer“ bezeichnet. Doch kein wirklicher Opernfreund wird von der Lektüre unberührt bleiben.

 

Neu akzentuiert

Denn Abels schreibt immer „con amore“, und seine Opernleidenschaft überträgt sich auch gleich auf den Leser. Dabei wird solideste Wissenschaft betrieben, werden Sujets und Motive bis zu ihren manchmal entlegensten Quellen zurückverfolgt, werden Querverbindungen zu kunst- und geistesgeschichtlichen, politischen und sozialen Phänomenen gezogen. Vieles Bekannte wird neu akzentuiert z.B. in Abels´ Betrachtungen zu Verdi, Wagner, Puccini oder Strauss.

 

Bemerkenswert ist der Anteil von Abhandlungen zu neueren und neuesten Stücken, darunter solchen, die man kaum noch unter „Oper“ subsumieren kann – Musiktheaterwerke von Rihm, Pintscher, Goebbels, Glanert und Joneleit etwa. Nicht zu kurz kommen die Oeuvres von Benjamin Britten (über den Abels eine Monographie veröffentlichte) und Hans Werner Henze. Einige weitere Beiträge, etwa über Glocken, Glöckner und Glockengießer in der Dichtung oder über „Jagd und Musik“, verlassen die eigentliche Opernsphäre. Im Schlussteil dieses Opernbuches zeichnet sich in einigen Annäherungen markant ab, was ein besonderes Interessensgebiet Abels’ ist und sich in einem weiteren Buchprojekt verdichten wird: die Literatur der Juden in Osteuropa.

 

Das Buch erschien in einem kleinen, wenngleich mit Musikbüchern nicht unerfahrenen Verlag. Das hat Vor- und Nachteile. Positiv ist der, wenn auch nicht bibliophile Charakter, so doch die überdurchschnittlich individuell anmutende Machart und Präsentationsform. Etwas lästig dagegen ist die Häufigkeit der Druckfehler, die hier, wo der Anschein des Handgemachten, Sorgfältigen und Liebevollen besteht, doch irritieren.

 

Vorzugsweise prominent

Zweifellos rangieren Abels’ Darlegungen auf einem Niveau, das Ulrich Schreiber mit seinem säkularen fünfbändigen „Opernführer für Fortgeschrittene“ fixierte. Viel direkter unter Insider führt die Titelformulierung „Verehrter Herr College!“, einer von Franz Willnauer herausgegebenen Anthologie von Briefen, die Gustav Mahler an Komponisten, Dirigenten und Intendanten schrieb, also an Persönlichkeiten, die wie er selbst wichtige Positionen im Musikbetrieb innehatten. Versteht sich, dass die Interna unter Berühmtheiten des Musiklebens mittlerweile einen Inhaltsstoff abgeben, der auch musikgeschichtlich interessierten Laien spannende Anregung und Unterhaltung bietet. Der Herausgeber berücksichtigte in seiner Auswahl (die zahlreiche bereits edierte andere Mahler-Briefsammlungen ergänzt) nicht nur, aber doch vorzugsweise prominente Briefpartner. So zeigt sich Mahlers Briefkontakt zu Richard Strauss geradezu üppig und freundschaftlich, was sich nur bei genauerem Lesen „zwischen den Zeilen“ relativiert.

 

Der Aufbau des Bandes lässt eine klare Steigerungsdramaturgie erkennen. Das erste Drittel entstammt der Lebensphase der Mahlerschen „Galeerenjahre“, der zum Teil untergeordneten Stellungen als Dirigent an kleineren und größeren Theatern Mitteleuropas. Die Briefe  spiegeln dabei den oft verzweifelten Versuch, bessere Arbeitsbedingungen und mehr künstlerische Unabhängigkeit zu erreichen.

 

Nach vielen Zwischenstationen hat Mahler endlich (von 1897 bis 1907) den Chefposten an der Wiener Hofoper und damit den Zenith seiner Laufbahn erlangt. In dieser Zeit geht es in seiner beruflichen Korrespondenz durchweg um Operndinge. Den dritten Schwerpunkt des Briefkonvoluts bilden die Vorgänge um die generalstabsmäßige Vorbereitung zur Münchner Uraufführung der 8. Symphonie („Symphonie der Tausend“) 1910. Die Briefe, die Mahler dazu an Organisatoren und Mitarbeiter adressierte, zeigen einen technokratisch versierten und autoritär-unduldsam auftretenden Kulturstrategen. Wer sich Mahler durchgängig als entrückten Leidenschaftsmusiker und Anima candida vorstellt, erfährt hier eine gewaltige Ernüchterung.

 

Marksteine der Musik

Im übrigen – aber das ist keine neue Beobachtung – ist es fast unbegreiflich, wie Mahler mitten in seinen Kämpfen um eine (gerade auch in Wien) immer angefochtene Karriere „nebenher“ ein immenses symphonisches Oeuvre zu komponieren vermochte.

 

Mahlers zehn Wiener Opernjahre sind für die Entwicklung des Musiktheaters Marksteine geworden. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich in den Briefen mehr das dabei trotz aller Mühen nicht Zustandegekommene als das Gelungene abbildet. Der Band erweist sich als vorzüglich dokumentiert und  schafft mit vielen Kommentaren und Erklärungen Brücken zwischen den einzelnen Briefen, so dass sich nicht selten der Eindruck einer durchgehenden biographischen Erzählung ergibt.

 

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