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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 15:24

Körner: Geschichten aus dem Speisewagen

15.07.2010

"Senk ju vor träwelling."

Lektüre für die nächste Zugfahrt gesucht? Einsteigen bitte und Platz nehmen im Bordrestaurant! Serviert werden unglaubliche und doch alltägliche Geschichten von unterwegs. INGEBORG JAISER ist auf den Geschmack gekommen.

 

Lektüre für die nächste Zugfahrt gesucht? Einsteigen bitte und Platz nehmen im Bordrestaurant! Serviert werden unglaubliche und doch alltägliche Geschichten von unterwegs. Ingeborg Jaiser ist auf den Geschmack gekommen.

 

Als die Deutsche Bundesbahn vor einigen Jahren die Abschaffung der Speisewagen plante, ging ein kollektiver Aufschrei durch die Nation. Sind die rollenden Bordrestaurants doch weitaus mehr als Orte der reinen Verköstigung: eher Begegnungsstätten und Betriebskantinen, Stammtische und Kontaktbörsen, mobile Büros und Landschaftskinos. Hier findet sich selbst in einem proppevollen Zug immer noch ein Sitzplatz. Hier werden quengelnde Kinder und verwirrte Senioren geparkt. Hier werden Termine vereinbart, Konflikte geschlichtet und Akten geordnet. Hier wird man bei einem Pott Kaffee stundenlang in Ruhe gelassen. Der Speisewagen „mag betriebswirtschaftlich defizitär sein, dafür unterfüttert er den gesamten Zug mit einer Genuss-Option.“

 

Mit der Bahncard quer durch Deutschland

Als 1981 Sten Nadolnys Netzkarte erschien, war der Gedanke des ziellosen Umherfahrens noch geradezu bahnbrechend. Torsten Körner gehört jedoch bereits zur „Generation Interrail“, die ganz selbstverständlich das Zugreisen als lustvolle Fortbewegungsmöglichkeit entdeckt hat. Eigentlich schrieb der Medienpublizist, Journalist und Schriftsteller schon seit längerem an einem Sterben für Anfänger und hielt eher beiläufig nach einem Nachfolgeprojekt Ausschau. Der Frankfurter Scherz Verlag war jedoch vom Speisewagen-Thema derart angetan, dass man den Autor unumwunden fragte, ob er nicht das Sterbebuch zurückstellen und sofort mit dem Reisebuch beginnen könne.

 

So leistete sich Körner für 6.000 Euro eine Mobility Bahncard 100 und tourte ein Jahr lang kreuz und quer durch Deutschland, ohne großes Gepäck und ohne konkrete Pläne. Er will nicht die Fahrpläne studieren, sondern Begegnungen. Er will sich in die Bordrestaurants setzen und alles probieren: „Speisen, Gespräche, Menschen, Blicke, Worte, Bilder, Energien, Zeichen jedweder Art, Geschwindigkeiten…“

 

Lebensbeichten und Familiengeheimnisse

Körner ist kein aufdringlich kommunikativer Typ. Zuweilen sitzt er stundenlang im Speisewagen und lässt sich einfach nur treiben. „Das unvermutete Gespräch mit Menschen, die man eben noch nicht kannte, ist eines der größten Abenteuer, in die man sich stürzen kann.“ So begegnet er einem ehemaligen Grenzsoldaten, einem pensionierten Intellektuellenpaar, einer Tochter mit dementer Mutter, einem Sohn mit biertrinkendem Rocker-Vater, Artisten und Arbeitslosen, Sekretärinnen und Studenten. Er lernt, dass der Kellner im Bordrestaurant Steward heißt und Sachsen offenbar bevorzugt eingestellt werden. Geduldig hört er sich Lebensbeichten und Familiengeheimnisse, Monologe und Beschwerden an. Diese kleinen, nur scheinbar unbedeutenden Episoden und Geschichten fügt er zu einem vielschichtigen, vielfältigen Gesellschaftspanorama zusammen – stets mit einem offenen, empathischen Blick für die Befindlichkeiten seiner Mitreisenden. „Hört sich an, als sollte Claude Sautet es verfilmen“, befand der Laudator Matthias Brandt anlässlich einer Preisverleihung.

 

Tragödien und Komödien

Aus diesem Stoff ließen sich Tragödien spinnen, doch Körner versteht es, seine Stories federleicht aufzurollen und mit kurzen, mal poetischen, mal humoristischen Sequenzen zu verweben. Wer selbst einmal mit akutem Harndrang auf der verzweifelten Suche nach einer freien Toilette durch die Abteile stürzte, wird sicherlich seinen Spaß an dem urkomischen Kapitel Bitte verlassen Sie diesen Raum haben. Und der Abschnitt Aus dem Fenster blicken lässt sich wie eine lustvolle Fantasiereise an.

 

Nach einem Jahr steht Körners Fazit fest: „Der Speisewagen als öffentlicher Raum lebt gerade von Tugenden wie Zivilität, Einfühlsamkeit, Zuhören, Abenteuerlust, Gastfreundschaft, Geduld, Hilfsbereitschaft, Nachdenklichkeit, Empfindsamkeit, Interesse, Dialogbereitschaft und Toleranz… Sie werden den Speisewagen, so wie ich ihn beschrieben habe, nur finden, wenn Sie ihr Leben ins Spiel bringen.“

 


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