Mystikindustrie für Weltflüchtlinge
Kurt Flasch, der sich hier zum wiederholten Mal als Eckhart-Kenner ausweist, macht mit diesem tradierten Bild Schluss. Die Kennzeichnung Eckharts als „Mystiker“ hält er für „entbehrlich“. Erst recht erteilt er eine Absage an esoterische Weltflüchtlinge und vergrätzte Kirchenabtrünnige, die Eckhart seit langem als ihre Identifikationsfigur ausgemacht haben und für die er als Vorbild für eigene mystische Einheitserlebnisse herhalten muss. Flasch nennt das „Mystikindustrie“, die er nicht bedienen wolle. Stattdessen setzt er das Denkerische dagegen. Aus Eckharts Texten spreche ein „Philosoph des Christentums“ und der Versuch, den christlichen Glauben mit den Mitteln der Vernunft zu begründen.
„Wenn Gott die Wahrheit ist und wenn das Christentum wahr ist, dann muß man ihm das anmerken. Dann gehört es allen Menschen, nicht nur Christen.“
Dass Meister Eckhart in eine Denktradition eingeordnet werden kann, widerspricht nicht dem Außenseiterbewusstsein, das Flasch ihm immerhin zubilligt. Der Autor erhöht unsere Sensibilität und das Verständnis für das geistige Umfeld des um 1260 in der Nähe von Gotha Geborenen. So profitiere Eckhart von einer „enormen intellektuellen Entwicklung des Westens“, die sich seit Beginn des 13. Jahrhunderts abzeichnete. Solchermaßen versteht er Eckharts Denken aus dem Denken seiner Zeit heraus und vermeidet damit den Irrtum, Eckhart sei in seiner Zeit grundlegend missverstanden worden.