War Schumanns Felix der Sohn von Brahms?
Geck hinterfragt in diesem Zusammenhang die scheinbare Sicherheit der Schumannexperten, die bisher von den Folgen einer syphilitischen Erkrankung ausgingen. Es könnte sein, dass diese Diagnose als Klischee romantischer „Verderbnis“ (siehe Thomas Manns Adrian Leverkühn) allzu pauschal appliziert wurde. Auch bei der angeblichen Sehnenscheidenentzündung, die Schumann im jugendlichen Alter eine Pianistenlaufbahn unmöglich machte, gibt Geck einen interessanten Hinweis auf das neu entdeckte Krankheitsbild der „fokalen Dystonie“, eine heute heilbare Erscheinung, die den jetzt wieder aktiven Pianisten Leon Fleisher jahrzehntelang vom Podium vertrieb.
Peter Gülke, der gelegentlich dem Klatsch nicht abgeneigt ist, stellt die Frage in den Raum, ob nicht der jüngste Schumann-Sohn Felix (geboren 1854) in Wirklichkeit ein Sohn von Johannes Brahms gewesen sei. Wie dessen Freundschaft mit Clara Schumann tatsächlich war: Ignoramus, ignorabimus. Doch ist es von einigem Gewicht, wie man als Autor eine potentiell prekäre Voyeur-Perspektive ausrichtet. Nach meiner Empfindung verfährt Geck nobler, indem er etliche plausible Argumente gegen eine Brahms-Vaterschaft bringt und klarstellt, dass es sich dabei um eine biographische Bagatelle handelt, die nicht zu raunender Erheblichkeit aufgebauscht zu werden braucht.
Gülke und Geck gehen mit einer vermeintlich herzlosen Clara, die ihren Mann in Endenich nicht mehr besuchte (sie bekam es vom Arzt verboten; hätte sie’s dennoch durchsetzen können?), nicht allzu hart ins Gericht. Mag sein, dass Geck im Vergleich zum psychologischen Verborgenheiten misstrauischer nachspürenden Gülke die „Haushaltsbücher“ des Ehepaars Schumann und ihre in der Tendenz paranoiden, tyrannischen Implikationen ein wenig zu harmlos kommentiert. Beim Zurückweisen von übertrieben oder unredlich „feministischen“ Darstellungen des Ehepaares Schumann wird Geck richtig zornig.
Anders als Gülke, den manchmal doch die Eitelkeit des Rutengängers reitet, wischt Geck mit souveräner Geste die von Schumann „verworfenen“ Bestandteile etwa des Liederzyklus „Dichterliebe“ weg, während Gülke sich sogar besonders auf derlei kapriziert. Der Beschränkung fällt bei Gülke leider ein so signifikantes Werk wie das Opern-Schmerzenskind „Genoveva“ zum Opfer, während sich Geck, der auch quasi im Vorbeigehen vieles berührt, ausführlich darum bekümmert. (Dafür fehlt bei ihm eines der bedeutendsten Klavierwerke, die „Symphonischen Etüden“) . Gecks Buch wirkt auch deshalb auf aparte Weise anregend, weil es, zwischen den chronologischen Hauptkapiteln, einzelne essayistische „Intermezzi“ präsentiert, die bestimmten Werken oder Werk-Aspekten gewidmet sind. So ist auch einiges von der Problem-Zentriertheit Gülkes (dessen Schumannkennerschaft von Geck häufig dankbar zitiert wird) hier „aufgehoben“.
Gülke sowohl wie Geck sind – man darf es so altmodisch-pathetisch sagen – Meister in der Kunst, Anspruchsvolles und fachlich Gekeltertes so zur Sprache zu bringen, dass auch der Nichtfachmann gefesselt ist. Es geht ja um Kunst, es geht um Leben – aktuelle Musikologie erliegt nicht mehr dem Wahn, beides auseinander zu reißen.