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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 15:18

Andri Pol: Where is Japan

22.07.2010

Lost in Fascination

Weiß geschminkte Geishas vor üppiger Kirschblüte, drängende Menschenmassen in der U-Bahn, der Berg Fuji mit schneebedecktem Gipfel - unser Japan-Bild wird aus zahlreichen klischeebehafteten Quellen gespeist. Der Schweizer Fotograf Andri Pol hat einen weniger gewohnten Blick kultiviert und präsentiert nun ausgewählte Fotos der letzten zwei Jahrzehnte in einem bemerkenswerten Bildband. Von INGEBORG JAISER

 

Diese Neuerscheinung ist kein Leichtgewicht: Ausladendes Quart-Format. 2317 Gramm schwer. 315 Seiten stark. Dazwischen die überbordende Bilderflut einer fernen Welt, der gewaltige Kosmos einer fremden Kultur. Detailreich und drastisch, widersprüchlich und verwirrend, von seltsamer Sogwirkung und unerklärlicher Faszination

 

Mangas, Müll und Mädchen

Die akkurat eingerichtete Papphütte eines Wohnungslosen, mit gestapelten Kleenexboxen und T-Shirts auf Plastikbügeln. Ein zugedröhnter Musiker mit drogenschweren Lidern. Ein Sumo-Ringer beim Saugen des Teppichbodens. Der überquellend-chaotische Arbeitsplatz eines Manga-Zeichners. Mitglieder der Yakuza beim Tätowierer. Linkisch übermütige Mädchen auf Schulausflug, mit heruntergerutschten Kniestrümpfen und im Wind flatternden Faltenröcken. Künstlich anmutende Tulpenblüte vor einem Haus in Hokkaido. Labyrinthische Hinterhöfe mit Ausblick auf die Hochbahn. Ein Krawatte tragender Geschäftsmann, in einen Comic vertieft. Ein nagelneuer Getränkeautomat vor einer Industriebrache. Plastikmüll am Strand in Ishikawa.

 

Über 20 Reisen hat der 1961 geborene Schweizer Fotograf Andri Pol nach Japan unternommen, das erste Mal 1994 mit seiner Frau. Als erfolgreicher Fotojournalist hat er für Zeitschriften und Magazine wie National Geographic, Time Magazine, Geo und Merian gearbeitet, sich jedoch nie als interpretierender Künstler gesehen, eher als reiner Dienstleister – wie er in einem Interview gegenüber den Schweizer Monatsheften betonte. Seiner unprätentiösen, zugleich skeptisch-neugierigen Auffassung und seinem klaren Blick, gepaart mit erstaunlicher Ausdauer und Hartnäckigkeit, verdanken wir diesen neuen großartigen Bildband. Dabei gilt Pols erklärte Absicht, Allgemeinplätze und Klischees zu vermeiden: die Geisha, die Kirschblüte, den Fuji.

 

Land des Lächelns?

Seiner reichen Bilderausbeute haftet ein eigentümlicher Zauber an. Wie Traumsequenzen wirken manche Fotos: hyperrealistisch und überscharf gezeichnet, doch zugleich in blasse, fade Farben getaucht, wie ausgebleicht. Dunstiger Himmel, müdes Pflanzengrün, graue Fassaden, diffuses Licht. So puristisch wie Pols Vorgehensweise als Fotograf ist auch die Gestaltung dieses Bildbands angelegt: kein Vorwort, kein erklärender Text, lediglich ein paar sparsame Bildunterschriften in Englisch und Japanisch. Der Blick fällt ungebrochen und unzensiert auf ungeschönte Fotografien.

 

Wir sehen die Rückseite eines Landes, das nicht nur vom Lächeln geprägt ist. „Warum fotografierst Du das? Das ist doch nicht schön“, soll Pol des Öfteren belangt worden sein. Steckte Neugier dahinter? Expeditionsgeist? Die Suche nach der Unmittelbarkeit? Oder die einfache Frage hinter dem augenscheinlich Sichtbaren: Where is Japan?


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