Mangas, Müll und Mädchen
Die akkurat eingerichtete Papphütte eines Wohnungslosen, mit gestapelten Kleenexboxen und T-Shirts auf Plastikbügeln. Ein zugedröhnter Musiker mit drogenschweren Lidern. Ein Sumo-Ringer beim Saugen des Teppichbodens. Der überquellend-chaotische Arbeitsplatz eines Manga-Zeichners. Mitglieder der Yakuza beim Tätowierer. Linkisch übermütige Mädchen auf Schulausflug, mit heruntergerutschten Kniestrümpfen und im Wind flatternden Faltenröcken. Künstlich anmutende Tulpenblüte vor einem Haus in Hokkaido. Labyrinthische Hinterhöfe mit Ausblick auf die Hochbahn. Ein Krawatte tragender Geschäftsmann, in einen Comic vertieft. Ein nagelneuer Getränkeautomat vor einer Industriebrache. Plastikmüll am Strand in Ishikawa.
Über 20 Reisen hat der 1961 geborene Schweizer Fotograf Andri Pol nach Japan unternommen, das erste Mal 1994 mit seiner Frau. Als erfolgreicher Fotojournalist hat er für Zeitschriften und Magazine wie National Geographic, Time Magazine, Geo und Merian gearbeitet, sich jedoch nie als interpretierender Künstler gesehen, eher als reiner Dienstleister – wie er in einem Interview gegenüber den Schweizer Monatsheften betonte. Seiner unprätentiösen, zugleich skeptisch-neugierigen Auffassung und seinem klaren Blick, gepaart mit erstaunlicher Ausdauer und Hartnäckigkeit, verdanken wir diesen neuen großartigen Bildband. Dabei gilt Pols erklärte Absicht, Allgemeinplätze und Klischees zu vermeiden: die Geisha, die Kirschblüte, den Fuji.