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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 15:19

Daniel Kehlmann: Lob über Literatur

26.07.2010

Von Kanonstürmern und Lesern

Daniel Kehlmann rettet die Ehre seiner Generation und legt einen blitzgescheiten Band mit seinen jüngsten Literaturrezensionen vor. Von SEBASTIAN KARNATZ

 

Wer jemals das Vergnügen hatte, Hans Magnus Enzensbergers gewaltigen Sammelband Scharmützel und Scholien – erschienen im letzten Jahr bei Suhrkamp, herausgegeben von Rainer Barbey – durchzublättern, der weiß, zu was die deutsche Literaturkritik in den Händen eines belesenen Dichters werden kann: zu einem Fest der Literatur. Die genuin literarische Kritik – jenes Feld, dem sich auch schon Goethe und Fontane mit Hingabe widmeten – ist heutzutage leider zu einem Ausnahmefall geworden. Einen poeta doctus, wie ihn Enzensberger in seinen besten Momenten zweifelsohne verkörpert, der sowohl über das stilistische Vermögen als auch über die naturgegebene Skepsis eines Literaten gegenüber den Kollegen verfügt, wird man heute unter den jüngeren Autoren sicher lange suchen müssen. Von fundierten politischen Analysen selbstverständlich ganz zu schweigen. Die Erosion des linksliberalen Künstlermilieus mit seinen mannigfaltigen Aporien zwischen bürgerlicher Kunst und quasi-anarchistischer Bohemekultur hat auch den Typus des linken poeta doctus mit in den Abgrund gerissen. Es herrscht intellektuelle Beliebigkeit in der digitalen Boheme.

 

So ist es sicherlich kein Zufall, dass jener Autor, der den Spagat zwischen Literatur und höchst reflektierter Literaturkritik derzeit am Eindrucksvollsten zu bewältigen vermag, eher dem liberal-konservativen Milieu entstammt. Daniel Kehlmann, vielfach preisgekrönter Autor des Sensationserfolges Die Vermessung der Welt, legt mit dem kleinen Band Lob über Literatur nun seine gesammelten Rezensionen aus den letzten Jahren vor. Ergänzt wird die Auswahl durch seine Göttinger Poetikvorlesungen und mehrere Reden.

 

Nimm und lies!

Um eines gleich vorweg zu nehmen: Es ist ein anregendes intellektuelles Vergnügen Kehlmanns kleinere Arbeiten zu lesen. Sie fordern zum Widerspruch auf, führen ab und an tatsächlich auch zu vehementem Kopfschütteln – doch sie sind jederzeit fein argumentierende, wunderbar geschriebene und mit allen Wassern der Literaturtheorie gewaschene Kleinode jener fast vergessenen Gattung der Literaturkritik von Autoren.

 

Dabei macht Kehlmann kaum Unterschiede zwischen den scheinbaren Polen von high und low. Stephen King ist ihm ebenso eine Rezension wert wie Imre Kertész, Truman Capotes Reportagen reizen ihn ebenso zum überschwänglichen Lob wie J. M. Coetzees Romane. Denn Kehlmann ist nicht nur ein Leser, das macht dieses Buch deutlich, er ist ein Vielleser, ein Alles-Verschlinger, der sich vor allem über das intellektuelle Spiel mit dem Leser immer wieder köstlich amüsieren kann. Wer seinem letzten Roman Ruhm kühlen postmodernen Perfektionismus vorgeworfen hat, darf hier hellhörig werden: Ein Autor, der Borges vergöttert und Roberto Bolaño – überaus hellsichtig – größtmögliche Anerkennung zollt, dem kann man kaum vorwerfen, sich ungenügend positioniert zu haben. Kehlmanns gewitzte Poetikvorlesungen, die im postmodernen Spiel ständig jene labilen Grenzen zwischen Literatur und Wirklichkeit ausloten, sprechen hier eine deutliche Sprache.

 

So gilt es zu konstatieren: Unabhängig davon, ob man Kehlmanns politische und ästhetische Einstellung teilt, ja, sogar unabhängig davon, dass man sich wünschen würde, Kehlmann hätte nicht zu so ziemlich jeder Neuerscheinung eine Meinung und auch unabhängig davon, dass Kehlmanns Angriff auf das Regietheater anlässlich der Eröffnung der Salzburger Festspiele durchaus als veritable Frechheit eingestuft werden kann, ist Kehlmann ein Kenner und Könner seines Fachs, den man all jenen zu lesen empfehlen sollte, die immer noch meinen, der Wert einer Rezension erschöpfe sich in einer knappen Inhaltsangabe.

 

Kehlmann gehört schon jetzt mit seiner Liebe zur Sprache, seiner Liebe zur Literatur und seiner stillen Freude über das genaue Detail zum Besten, was die deutsche Feuilletonistik derzeit zu bieten hat. Wer sich davon überzeugen will, dem sei exemplarisch sein wunderbarer Beitrag zu Thomas Mann ans Herz gelegt. Wo andere junge Autoren sich jüngst paradoxerweise in der altehrwürdigen ZEIT daran gemacht haben, den imaginären Kanon der deutschen Literatur auszumisten, findet man hier ein Gegengift gegen die pomadige Arroganz der jungen Generation – einen genauen Leser.


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