Nimm und lies!
Um eines gleich vorweg zu nehmen: Es ist ein anregendes intellektuelles Vergnügen Kehlmanns kleinere Arbeiten zu lesen. Sie fordern zum Widerspruch auf, führen ab und an tatsächlich auch zu vehementem Kopfschütteln – doch sie sind jederzeit fein argumentierende, wunderbar geschriebene und mit allen Wassern der Literaturtheorie gewaschene Kleinode jener fast vergessenen Gattung der Literaturkritik von Autoren.
Dabei macht Kehlmann kaum Unterschiede zwischen den scheinbaren Polen von high und low. Stephen King ist ihm ebenso eine Rezension wert wie Imre Kertész, Truman Capotes Reportagen reizen ihn ebenso zum überschwänglichen Lob wie J. M. Coetzees Romane. Denn Kehlmann ist nicht nur ein Leser, das macht dieses Buch deutlich, er ist ein Vielleser, ein Alles-Verschlinger, der sich vor allem über das intellektuelle Spiel mit dem Leser immer wieder köstlich amüsieren kann. Wer seinem letzten Roman Ruhm kühlen postmodernen Perfektionismus vorgeworfen hat, darf hier hellhörig werden: Ein Autor, der Borges vergöttert und Roberto Bolaño – überaus hellsichtig – größtmögliche Anerkennung zollt, dem kann man kaum vorwerfen, sich ungenügend positioniert zu haben. Kehlmanns gewitzte Poetikvorlesungen, die im postmodernen Spiel ständig jene labilen Grenzen zwischen Literatur und Wirklichkeit ausloten, sprechen hier eine deutliche Sprache.
So gilt es zu konstatieren: Unabhängig davon, ob man Kehlmanns politische und ästhetische Einstellung teilt, ja, sogar unabhängig davon, dass man sich wünschen würde, Kehlmann hätte nicht zu so ziemlich jeder Neuerscheinung eine Meinung und auch unabhängig davon, dass Kehlmanns Angriff auf das Regietheater anlässlich der Eröffnung der Salzburger Festspiele durchaus als veritable Frechheit eingestuft werden kann, ist Kehlmann ein Kenner und Könner seines Fachs, den man all jenen zu lesen empfehlen sollte, die immer noch meinen, der Wert einer Rezension erschöpfe sich in einer knappen Inhaltsangabe.
Kehlmann gehört schon jetzt mit seiner Liebe zur Sprache, seiner Liebe zur Literatur und seiner stillen Freude über das genaue Detail zum Besten, was die deutsche Feuilletonistik derzeit zu bieten hat. Wer sich davon überzeugen will, dem sei exemplarisch sein wunderbarer Beitrag zu Thomas Mann ans Herz gelegt. Wo andere junge Autoren sich jüngst paradoxerweise in der altehrwürdigen ZEIT daran gemacht haben, den imaginären Kanon der deutschen Literatur auszumisten, findet man hier ein Gegengift gegen die pomadige Arroganz der jungen Generation – einen genauen Leser.
