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Rudi Palla: Verschwundene Arbeit

12.08.2010

Von Roßtäuschern & Seifensiedern

Rudi Pallas jetzt illustriertes Lexikon der “Verschwundenen Arbeit”. Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

In Sprichwörtern & Redewendungen - die wir gebrauchen, ohne uns etwas unter ihrer Metaphorik vorzustellen - leben oft Handwerke, Berufe, Tätigkeiten und damit verbundene Begrifflichkeiten fort, die uns fremd geworden oder fern gerückt sind - ja oft gar nie bekannt waren. Wobei zu vermuten ist, dass mit dem Verschwinden alltäglich-manueller Tätigkeiten in unserem heutigen Leben auch der überkommene Sprachbilderreichtum schrumpfen wird. Denn er wird mündlich weitergegeben und lebt in der gesprochenen Sprache nur dadurch fort - und nicht allein durch Lektüre historischer (literarischer) Texte.

 

Nach 16 Jahren ...

In einem erstmals 1982 auf deutsch bei Wagenbach erschienenen Büchlein, das ich damals zu den schönsten & zartesten zählte, die ich je vor Augen bekam - Gesualdo Bufalinos “Museum der Schatten” - versammelt der sizilianische Schriftsteller mit Hilfe seiner Erinnerung u.a. “Verschwundene Berufe”, “Alte Redewendungen” & “Orte von Einst” in kleinen literarischen Miniaturen.

 

Der 1941 in Wien geborene Rudi Palla, dessen “Reise zu den größten Lebewesen” (sein Buch über Bäume) früher schon meinen enthusiastischen Beifall gefunden hatte, hat nun seinen vor 16 (!) Jahren in der “Anderen Bibliothek” vorgelegten Thesaurus der “Verschwundenen Arbeit” in einer “komplett illustrierten & aktualisierten Neuauflage” wieder vorgelegt, die u.a. mit einem Zitat aus Bufalinos “Museum der Schatten” beginnt: “Eine Kultur lebt vor allem in der Mannigfaltigkeit ihrer Berufe. Jeder von ihnen bringt, abgekapselt in seiner Zelle, für sich Gesichtsausdrücke, Kleidung, Sprachen, Haltungen, rührende oder scherzhafte Anekdoten, eine Pädagogik, eine Moral hervor. (...)“.

 

Erkenntnisgeschenke aus der Plaudertasche

Damit ist der nicht bloß nostalgische Reiz eines kulturhistorischen Alphabets angezeigt, das der Wiener Schriftsteller & Filmmacher Rudi Palla von “Abdecker” bis “Zinngießer” mit unterschiedlich langen, anekdotisch ebenso witzig wie definitorisch verständlich formulierten Artikeln zusammengestellt hat. Manchmal geht er dabei - wie z.B. beim Stichwort “Kupferschmiede” - bis in die Antike zurück, manchmal reicht ihm aber auch, nach der Tätigkeitsbeschreibung etwa des Hausierers, eine kleine, treffende Passage aus einem Artikel von Joseph Roth. Von Vorteil für die Lesbarkeit & das zu sättigende Vergnügen an der eigenen Neugier ist dieser freie, abwechslungsreiche Umgang mit dem jeweiligen Stoff; obwohl lexikalisch voranschreitend, öffnen sich auf dem Leseweg immer wieder Plaudertaschen, aus denen der Autor wie Nikolaus aus seinem Weihnachtssack seine Erkenntnisgeschenke hervorholt, dass es ein Vergnügen ist, wo immer man das Buch aufschlägt.

 

Vollständigkeit ist dabei nicht angestrebt, sonst dürften z.B. “Kesselflicker” oder “Scherenschleifer” nicht fehlen; andererseits verrichten die bei Palla vertretenen “Schäfer” oder “Steinmetzen” immer noch Arbeiten, die mitnichten “verschwunden” sind - während ich in meiner Nachkriegskindheit in den Ferien bei einem Onkel im Vogelsberg noch “Pecher”, die er zu beaufsichtigen hatte, bei ihrer Arbeit gesehen habe - ganz zu schweigen von den “Schriftsetzern”, deren kollektives Berufsende im Zeitungswesen ich miterlebt habe. Werden nicht bald die “Schuster” (oder: die “Buchhändler”?) einer dann “Verschwundenen Arbeit” nachgegangen sein? Was aber Rudi Pallas Buch nicht nur zu einem Lektüre-Vergnügen eigener Art macht, sondern seine Neuausgabe nun zu einem der schönsten Bücher dieses Jahres hat werden lassen, das sind die 335 (!) farbigen Abbildungen die der Freund & Verleger des Autors, Christian Brandstätter, aus historischen Bildwerken, Büchern & Archiven mit Findigkeit & Schmackes gezogen und den rund 200 Artikeln zur reichhaltigen Illustration beigefügt hat.


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