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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 15:28

Gwynne Dyer: Schlachtfeld Erde. Klimakriege im 21. Jahrhundert

16.09.2010

Weil sich nicht nur das Klima wandelt

Gwynne Dyer beschreibt die Folgen der globalen Erwärmung. Von JOSEF BORDAT

 

Dass sich das Klima wandelt, ist bekannt. Fast alle Wissenschaftler, die mit der Frage, warum dies der Fall ist, beschäftigt sind, vermuten, dass der Mensch bzw. die Art, wie er seit 200 Jahren sein Leben führt, zu einem großen Teil den Anstieg der Erdmitteltemperatur zu verantworten hat. In Modellen wird uns aufgezeigt, wohin unser Lebensstil führt: Die Eisberge an den Polen schmelzen, der Meeresspiegel steigt, die Strömung von Wasser und Wind ändert sich, Dürrejahre und Jahre mit Starkregenfällen wechseln sich ab, kurz: Mit der Erwärmung kommen Naturkatastrophen. Und deren Konsequenzen.

 

Hier setzt Gwynne Dyer an.[1] Er macht da weiter, wo die Klimamodelle aufhören: bei der konkreten Beschreibung der politischen, demographischen und strategischen Folgen dessen, was die Hochrechnungen der Wissenschaftler prognostizieren. Er zeichnet eine „Was wäre, wenn“-Welt und scheut sich nicht, die dramatischen Veränderungen deutlich und detailliert vor der Leserschaft auszubreiten. Es muss (und wird) nicht alles wahr werden, was sich der Militärexperte ausmalt, aber reine Fiktion ist es auch nicht, denn er geht von den Daten und Darstellungen aus, die im aktuellen IPCC-Bericht stehen. Zudem hat Dyer sorgfältig recherchiert: „Ich bin durch gut ein Duzend Länder gereist, habe mit Wissenschaftlern, Militärs, Beamten und Politikern gesprochen, die täglich mit der Problematik zu tun haben.“

 

Durchleuchtete Peinlichkeiten

Es ist gut, dass sich jemand die Mühe macht, auszuführen, was es denn bedeutet, wenn die Erdmitteltemperatur um mehr als 3 Grad steigt, auch wenn das dann klingt wie im Vorspann eines Hollywood-Katastrophenfilms: „Im Jahr 2036 ist die EU unter dem Druck der Massenmigration aus den südlichen Staaten der Gemeinschaft nach Norden zusammengebrochen.“ Oder:  „Die Lage in China war 2029 schlicht katastrophal. Dürrejahre hatten die Ernten in der nordchinesischen Ebene vernichtet, austrocknende Flüsse bewirkten dasselbe im Süden. Die Sturmflut von 2028, die schlimmste in einem schlimmen Jahrzehnt, verheerte das Land bis in den Norden nach Shanghai.“ Die Folge: Bürgerkrieg, Terror, Staatszerfall. Das muss nicht passieren („Die heutige Klimakrise [ist] lösbar!“), aber es kann passieren. Vor allem, wenn es uns nicht gelingt, „unsere Wirtschaft vollständig [zu] dekarbonisieren“.

 

Richtig. Doch wie passt dazu die Nachricht, dass in China „wöchentlich ein neues Kohlekraftwerk eröffnet“ wird? Ganz ohne „Geo-Engineering“ gehe es nicht, teilt Dyer erstaunlich unkritisch mit: „Es ist gut, dass uns einige Techniken aus dem Bereich des ,Geo-Engineering’ zur Verfügung stehen. Wir werden sie wahrscheinlich brauchen.“ Bedenklich, dass er, ein publizistisches Kind des Kalten Krieges, dabei in längst überwundenen politischen Klischee verharrt: „Viele Anhänger der Rechten äußerten die Meinung, es sei nun an der Zeit, auf die allerletzten, verzweifelten Maßnahmen aus dem Bereich des ,Geo-Engineering’ zurückzugreifen.“ – „Auf Seiten der Linken reagierte man auf diesen Vorschlag überwiegend mit entsetzter Ablehnung.“ Rechts-links? So lässt sich das hochkomplexe Thema sicher nicht sinnvoll erörtern.[2]

 

Sehr ertragreich hingegen Dyers Analyse der Kopenhagener Klimakonferenz (Dezember 2009). Als einer derer, die dort waren, aber nicht teilnehmen durften, schildert Dyer, wie „kontrovers und chaotisch“ die „von der dänischen Regierung so miserabel organisierte“ Tagung verlaufen ist, bei der es immerhin um die Zukunft der Menschheit ging bzw. gehen sollte. Stattdessen wurden die Sitzungen ständig „durch demonstratives Verlassen“ unterbrochen, die Delegierten-Massen verhinderten zudem ein konzentriertes Arbeiten an offenen Sachfragen und am Ende stand ein dreiseitiges Dokument („Copenhagen Accord“), aus dem – auf Antrag Chinas – selbst das letzte bisschen Verbindlichkeit in Gestalt konkreter Planzahlen zur CO2-Reduktion gestrichen wurde. Dyer durchleuchtet die Peinlichkeiten mit Insider-Kenntnis und beschreibt das Versagen der Weltgemeinschaft mit spitzer Feder. Das Schlusskapitel läse sich geradezu unterhaltsam, wenn das, worum es geht, nicht so traurig wäre.

 

Zuende gedacht

Trotz Kopenhagen geht für Dyer kein Weg an Verhandlungen im Rahmen der Weltdiplomatie vorbei, denn „jede echte Lösung des Problems der globalen Erwärmung muss von einer internationalen Gesellschaft ausgehen, die auf einem Fundament gleicher Rechte ruht und an allgemein anerkannte Gesetze gebunden ist, denn Emissionen, ganz gleich woher sie kommen, wirken sich auf alle aus“. Das ist zwar eine trübe Aussicht auf weitere zähe Diskussionsrunden, doch die Alternative – eine ökokratische Weltregierung, die nicht verhandeln lässt, sondern entscheidet – ist weder realistisch noch wünschenswert.

 

Gwynne Dyer zeigt uns die Erde als Schlachtfeld. In deutlicher Diktion denkt er die Prognosen der Klimaforscher zuende. Solche populärwissenschaftlichen Darstellungen, die sich auf konkrete Szenarien beziehen, sind – auch aus der Perspektive der Klimaforschung – nicht unumstritten, könnten sie den Vertretern eines ambitionierten Klimaschutzes doch einerseits den Vorwurf der „Panikmache“ eintragen, andererseits aber auch zur Resignation Anlass geben. Dryer derart zu deuten, wäre gleichermaßen falsch. Über die Methoden, die er vorschlägt, die Erderwärmung und den globalen Krieg um die Lebensgrundlagen zu verhindern, kann man sicher streiten, nicht aber darüber, dass dem Klimaschutz eine hohe Priorität eingeräumt werden muss.

 

Anmerkungen:

 

[1] Dyer ist nicht der erste, der sich mit dem Zusammenhang von Klimawandel und kriegerischer Gewalt beschäftigt. Im deutschen Sprachraum bekannt ist Harald Welzers Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird (2008). Erhellend auch die Studie The Security Implications of Climate Change von John Podesta und Peter Ogden, erschienen in The Washington Quarterly (2008), die ich in dem Aufsatz Krieg wegen des Klimas? Sicherheitspolitische Aspekte der globalen Erwärmung besprochen habe.

 

[2] In ihrer aktuellen Ausgabe setzt sich die Zeitschrift politische ökologie kritisch mit dem „Geo-Engineering“ auseinander. Eine Besprechung der Ausgabe ist hier zu finden: Plan B? Plan A? Finger weg? Die ,politische ökologie’ stellt Geo-Engineering auf den Prüfstand


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