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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 15:30

Rüdiger Safranski: Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie

21.09.2010

Mehr Schopenhauer im Speziellen, mehr Philosophie im Allgemeinen

Arthur Schopenhauer zählt zu den populäreren Denkern, die man auch ohne gezieltes akademisches Interesse in seiner Freizeit liest. Von JOSEF BORDAT

 

Zumindest soweit es um die unterhaltsamen Aphorismen aus den Parerga und Paralipomena (1851) geht. Schopenhauer gilt wegen seiner Nähe zur negativen Theologie der Mystik, zur asketischen Praxis fernöstlicher Spiritualität und zur pessimistischen Weltsicht der Skepsis als „modern“.

 

Rüdiger Safranski ist ein Philosoph, der sich der Popularisierung seiner Disziplin in Bild und Wort verschrieben hat. Zunächst hat er sich als Biograph einen Namen gemacht (u.a. veröffentlichte er Lebensskizzen zu Heidegger und Nietzsche), dann folgte der mediale Durchbruch an der Seite des vielleicht derzeit populärsten deutschen Denkers, Peter Sloterdijk, als Gastgeber des „Philosophischen Quartett“ im Zweiten Deutschen Fernsehen.

 

Die Paarung ist vielversprechend: Den einen, Schopenhauer, zitiert der zynische Zeitgenosse gerne auf Glückwunschkarten („Heiraten heißt: Rechte halbieren, Pflichten verdoppeln.“), dem anderen, Safranski, hört man gerne zu. Wenn nun dieser Safranski über jenen Schopenhauer schreibt, steht geistreiche Unterhaltung ins Haus. Unter Strich stimmt das auch. Doch ist Safranskis neue Schopenhauer-Biographie, die pünktlich zum 150. Todestag des Philosophen in den Regalen des Buchhandels erhältlich ist, beileibe keine leichte Kost. Safranski meint es ernst mit Schopenhauer, vielleicht ernster als je ein Schopenhauer-Kenner zuvor.

 

Akribisch zeigt Safranski sämtliche Lebensstationen Schopenhauers, den er vertraulich „Arthur“ nennt, und bringt sie, selten war es sinnvoller, mit dessen Werk in Verbindung. Anekdoten über Schopenhauers Scheitern in Berlin, die Enttäuschungen im Akademikerdasein, die zerrüttete Kaufmannsfamilie mit ihren Konfliktlinien sowie der zeitgeschichtliche Hintergrund bieten Safranski die Kulisse für die Interpretation der philosophischen Idee, die Welt sei „Wille und Vorstellung“. Leben und Lehre verschmelzen bei Schopenhauer zu einem profunden Weisheitsamalgam, dem, so die bisherige Einschätzung, keine Systematik zugrunde liegt.

 

In kameradschaftlicher Nähe

Doch Safranski legt diese mit seiner subtilen Analyse offen. Ob er dabei an einigen Stellen die Intention (etwa in Bezug auf die Bedeutung der Metaphorik in Schopenhauers Sprache) nicht doch nachträglich schärft oder ob sie bei Schopenhauer tatsächlich so stringent vorzufinden ist, mag fraglich sein, doch zeigt Safranski, dass Schopenhauers Ideen mehr sind als bloß stilistisch gelungene, ansonsten aber substanzlose Hirngespinste, die allenfalls zur Motivation der Philosophie Nietzsches beitrugen.

 

Ein zentrales Beispiel: Schopenhauer deutet die Welt als Wille und Vorstellung. Sowohl seine Dissertation (Die Welt als Wille und Vorstellung, 1819), die zu seinen Lebzeiten noch zwei weitere Auflagen erfährt (1844 und 1859), als auch das 1835 erschienene Über den Willen in der Natur handeln davon. Safranski zeigt anhand zahlreicher Textbelege: Dass die Willensmetaphysik transzendentalphilosophisch begründet wird, ist kein Mangel (wie Nietzsche meinte), sondern systematische Notwendigkeit, um der Versuchung zu widerstehen, den Willen zu objektivieren, denn „Wille“ beschreibt ontologisch gerade dass, was nicht im Objekt und dessen Kausalbezügen zur Welt aufgeht. Dass der Übergang von der Vorstellung zum Willen als hermeneutisch (und nicht als erklärend) aufzufassen ist, verhindert es, Schopenhauers Idee in allzu große Nähe zu zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Weltinterpretationen zu rücken. Mit dieser Klarstellung beugt Safranski Missverständnissen vor und arbeitet deutlich heraus, dass es sich beim „Willen“ Schopenhauers sehr wohl um ein belastbares metaphysisches Konzept handelt (freilich nur, soweit man überhaupt bereit ist, metaphysisch zu denken), wenn man es als das versteht, als das Schopenhauer (oder besser: der „Arthur“ Safranskis) es verstand.

 

Rüdiger Safranski zeichnet seinen „Arthur“ kenntnisreich, verständnisvoll und in einer fast schon kameradschaftlichen Nähe. Seine Biographie ist umfassend und dementsprechend genau, im Nachvollzug der Tiefen des Lebens mitfühlend und im Hinblick auf die philosophischen Erträge desselben sachlich klärend. Der Fachfrau wird das Buch hilfreich sein, dem Laien macht es Lust auf mehr – mehr Schopenhauer im Speziellen, mehr Philosophie im Allgemeinen. Mehr kann man nicht erwarten.


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das ist übrigens keine neue biographie, sondern eine neuauflage aus dem jahre 1988.
| von venus wars, 22.09.2010

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