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Möller / Doering: Batman und andere himmlische Kreaturen

23.09.2010

Confessions of 30 dangerous minds

Spielsucht, Wahn, Zwang, Alkoholismus, Depression, Mord und reichlich Sex - und doch ist dieser Band kein reißerischer Thriller. Mit 41 fachkundigen Kollegen betreiben die Psychologen Analysen in einem Filmbuch der anderen Art. Von LIDA BACH

 

Hannibal Lecter, Frankenstein, Capote und Charles Foster Kane stehen schon in ihrer Patientenkartei. Nachdem Heidi Möllers und Stephan Doerings Sammlung cineastischer Psychogramme von Frankenstein und Belle De Jour und 28 weiteren Filmfiguren zum Überraschungserfolg wurde, öffnet das Autoren-Duo erneut seine Praxis. Peeping Tom, Travis Bickle, Die blonde Sünderin und andere verstörte Leinwandfiguren sitzen im Wartezimmer. Mehr als im ersten Band ließen die Herausgeber den Autoren bei der Auswahl der Filme und Figuren frei Hand. Reiner Zufall, dass der Fokus diesmal auffällig auf psycho-sexuellen Störungen liegt? Das Autorenvorwort gibt sich naiv und nickt vage in Richtung der Filmbranche und deren Affinität zu Sex & Crime. Doch was würde Freud dazu sagen?

 

Im Cabinet des Dr. Caligari

Der medizinische Maßstab der Untersuchung der Nochmal 30 Filmcharaktere und ihrer psychischen Störungen ist die als ICD-10 bekannte internationale Klassifikation psychischer Störungen. Hierin sind die studierten Autoren der dreißig Kapitel Fachleute. In der Filmanalyse hingegen sind sie Laien. Die Auswahl der Filmfiguren ist streitbar. Den Unterhaltungswert mindert dies nicht. Die Kontroverse regt zum Diskurs an. In Sex & The City tragische Elemente zu sehen, scheine auf den ersten Blick absurd, schreiben Tatjana und Eva Tömmel. Doch der „von keinem Kanon getrübte Blick“ der Autorinnen findet in der Liebeskomödie „die psychodynamische Wirkung einer Tragödie“.

 

Einige der Regisseure dürften sich geschmeichelt fühlen, dass ihren Protagonisten die nötige psychologische Tiefe für eine „schwere depressive Episode“ (Carrie Bradshaw in Sex & The City) attestiert wird. Angelina Jolies Todeswunsch in Million Dollar Baby scheint wiederum eine überlegte Reaktion auf eine schwere Behinderung. Julia Roberts notorische Altarflucht als Braut, die sich nicht traut wirkt kaum pathologisch. Erst Recht nicht für die neurotischen Protagonisten von Mainstream-Komödien. Ein bisschen verrückt ist jeder. In der Filmwelt ein bisschen mehr.

 

In den Werken David Lynchs tummeln sich Verrückte. Nicht minder verstört und verstörend als der Hauptcharakter Jeffery in Blue Velvet sind die Sängerin Dorothy Vallens und ihr dämonischer Liebhaber Frank Booth. Oder wären in einer Welt, in der Wahnsinn die Norm ist, geistig Gesunde die psychisch Gestörten? Batman und andere himmlische Kreaturen eröffnet ein psychiatrisches Panoptikum bevölkert von zahllosen Fällen von Geistesstörung, die man nach der Lektüre in  Filmfiguren interpretieren möchte. Joker und Two-Face in The Dark Knight, die kindliche Killerin Mathilda in Leon, der von Javier Bardem verkörperte Serienmörder in No Country for Old Men, die Persona beider Frauen in Ingmar Bergmanns Seelendrama. Die Auswahlkriterien der Essayisten erlauben dem Leser nebenbei den (amateur-)psychologischen Blick auf die Autoren.

 

It´s a mad, mad world

Die Filmcharaktere entziehen sich der ärztlichen Analyse. Ob sie ausführliche Monologe halten wie Warren Schmidt in About Schmidt oder ihre Neurosen zelebrieren wie Martha und Paul in Wer hat Angst vor Virginia Woolf?, einen Teil ihrer Geheimnisse behalten sie für sich. Sie beantworten keine Fragen, zeigen keine direkte Reaktion. Blanche Du Bois, Gordon Gekko und Leon, der Profi sind Marionetten. Die Fäden hält nicht ihre Erkrankung, sondern das Drehbuch. Gefangene ihres Filmkosmos, müssen die 30 Charaktere ihre Psychosen durchleben, sooft der zuschauende Psychologe es will. Liegt ein Hauch Sadismus in dieser Allmacht der Autoren? Die Lust am Psychologisieren ist ansteckend.

 

Es sind die Ticks und Absonderlichkeiten, die eine Filmfigur interessant machen. Mir ihrer Geistesstörung verlieren die Protagonisten fast immer ihren Reiz. Das Ende der Krankheit ist das Ende des Films. In der Realität verlaufen psychische Störungen meist chronisch. Auf der Leinwand hingegen dürfen die wenigsten verrückt bleiben. Die Unheilbaren werden meist ins Jenseits überwiesen. Elwood P. Dowd in Mein Freund Harvey ist eine der glücklichen Ausnahmen. Wie Kaspar Hauser, The Three Faces of Eve, The Snake Pit ist der Film nicht unter den Fallstudien. In Dressed to kill erklärt Brian De Palma gar den Psychologen zum psychisch Gestörten. Ein bizarrer Plot-Twist lässt den Psychopathen die eigene Psychopathie analysieren. Das Kino steckt fest In den Fängen des Wahnsinns (Regie: John Carpenter). Reichlich Stoff für einen dritten Band.


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