Trocken, lakonisch, todernst
Die beiden wichtigsten Ursachen für das Wiederkehren von Finanzkrisen seien das wirtschaftliche Kurzzeitgedächtnis und der Irrglaube, Geld und Intelligenz würden zusammen gehören. „Eng mit Geld in Verbindung stehende Menschen neigen, und das sogar mit großer Wahrscheinlichkeit, zu einem auf Selbstbestätigung ausgehenden und stark fehleranfälligen Verhalten.“ Jede neue Generation von Finanzmarktoperatoren glaube vermeintlich bessere Instrumente entdeckt zu haben und ziehe zum Beweis jene heran, die schon reich geworden sind und somit scheinbar intelligenter waren. Dies hält Galbraith für einen fatalen Irrtum, denn: „Finanzgenie ist man nur bis zum Bankrott“. Man erinnere sich den ehemaligen Chef der Bank Lehman Brothers Richard Fuld. Gerade weil Selbstbewusstsein – man denke wieder an Fuld – zu den unabdingbaren Voraussetzungen eines Finanzgenies gehört, kommt es zu einem gefährlichen Automatismus, einer Art blindem Fleck im Getriebe des Kapitalismus.
Um nach der Krise den blinden Fleck zu erklären, würden immer Gründe gefunden, die außerhalb des Marktes liegen, zumal meist weite Teile der Gesellschaft an der Spekulation beteiligt waren. Nicht der Markt und seine Mechanismen seien schuld, sondern jene, die nicht mehr an ihn geglaubt haben. Nur der Glaube an den Markt stärkt ihn und wer davon abfällt, beschwört sein Ende. Galbraith bezeichnet ihn darum als die heilige Kuh unserer Gesellschaft.
Letztlich rückt das Buch die Finanzspekulation in die Nähe des Lottospiels. Alle wetten darauf, dass der Wert einer Sache immer weiter steigt. Solange alle daran glauben, funktioniert es. Manche, die rechtzeitig aussteigen, werden reich. Andere, die zu früh aussteigen, wären beinahe reich geworden und viele, die zu spät aussteigen, werden arm. Beim Lotto allerdings gibt es nicht die fatale Kopplung von finanziellem Erfolg und Intelligenz. Außerdem weiß man um die sehr niedrigen Gewinnchancen.
Weil Galbraith die gesellschaftliche Realität auf eine trockene lakonische Weise wiedergibt, ist das Buch trotz des todernsten Themas über lange Passagen zum Totlachen komisch. Wenn Galbraith als „Mahner der eigenen Zunft“ den Kapitalismus kritisiert, wie Uwe Jean Heuser im Vorwort schreibt, tut er es nicht, um ihn abzulösen, sondern um einen systemimmanenten Fehler aufzuzeigen. Denn wer die Gefahr erkennt, hat die Möglichkeit, den Konsequenzen vorzubeugen. Die Lektüre von Eine kurze Geschichte der Spekulation ist unterhaltsam, bereichernd und notwendig. Schließlich hat die Spekulation, trotz ihrer fatalen Folgen, auch einen positiven Effekt: Die bloße Aussicht auf Reichtum, setzt viele Dinge in Bewegung und selbst wenn viele davon in der Krise wieder vergehen, manche bleiben. Die Phasen der Spekulation sind Phasen des extremen Antriebs. Übrigens: Der europäische Vereinsfußball zeigt deutliche Symptome.

