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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 15:34

Wolfgang Seidel: Wann tranken die Türken ihren Kaffee vor Wien?

30.09.2010

Mit dem Pudel auf Reisen

Wenn es auch ohne Teufel mit der Erkenntnis klappt. Von MATHIAS BROSE

 

Am Anfang war das Wort. Am Anfang war Stein und Eis. 2,5 Millionen Jahre ist es her, das frühe menschenähnliche Affen wie Homo habilis oder Homo ergaster in Afrika ihre ersten Werkszeuge aus Steinen schlugen: zum jagen, zerkleinern, stampfen und stechen. Heute dagegen jagen wir Facebookfreunde, zerkleinern CD's, stampfen Konzerne ein und stechen Konkurrenten aus.

 

Viel hat sich in den Millionen Jahren Menschheitsgeschichte getan. Zeit um alles festzuhalten, Zeit um die Vergangenheit lebendig werden zu lassen. Dies hat sich vermutlich auch Wolfgang Seidel in seinem Werk gesagt. Von der Eiszeit vor bis zur Präsidentenwahl Barack Obamas versucht er dem Leser die großen und kleinen Höhepunkte der Geschichte näher zu bringen. Unterteilt in zehn Kapiteln wird uns chronologisch vom Turmbau zu Babel, dem Gordischen Knoten oder auch von der Finanzmarktkrise 2008 berichtet.

 

Antiker Höhepunkt

 

Ein großes und auch gewagtes Unterfangen möchte man behaupten. Das ist es auch: auf 448 Seiten sollen alle wichtigen Themen der Menschheit Platz finden? Auf 448 Seiten soll alles stehen, was man wissen muss? Das muss doch mit dem Teufel zugehen!

 

So schwer man es sich vorstellen kann, so gut funktioniert es doch. Und zwar ganz ohne Mephisto. Kurz und knapp schildert er, in mitunter amüsantem Ton, Wissenswertes aus Kultur, Forschung und auch Religion. Und so lernen wir neben bekannten Persönlichkeiten wie Hannibal, Attila, Napoleon und Martin Luther auch Manfred Huchthausen kennen. Der Berufsschullehrer aus Förste bei Osterrode im Harz ist der direkte Nachfahre von Menschen aus der Bronzezeit, die vor 3000 Jahren ganz in der Nähe lebten. Das ergaben zumindest DNA–Tests von Anthropologen, die die Speichelproben von den Menschen aus der Umgebung Osterrode mit Funden aus Schmuck-und Kultstätten verglichen. Oder wir erfahren, dass seit etwa 700 die Venezianer ihren Dogen (lat. dux, Führer, Herzog) wählten und bis jetzt nicht von dieser Staatsform abweichen.

 

Jedoch: Zu schnell wird doch manches Thema abgefertigt und verschwindet dann im tiefsten Nebel unserer Gehirnnischen. So fängt die Weltgeschichte etwas holprig mit der Eiszeit an, verwirrt mit verschiedensten Kulturen und ohne begleitendes Kartenmaterial. (Womöglich ist das auch der unsicheren Quellen- und Forschungssituation in Bezug auf die frühen Kulturen der Menschen, sprich Ägypter, Mayas oder Sumerer geschuldet.) Von Epoche zu Epoche, von Jahrhundert zu Jahrhundert steigert Wolfgang Seidel sich aber immer mehr, die Strukturen von Stämmen, deren Gebiete und die Beziehungen zueinander werden klarer und ergeben schließlich ein großes Bild der Welt. Den Höhepunkt bildet dann die Abhandlung der griechischen Antike, von Aristoteles und Homer.

 

In Zeiten von Internet, Globalisierung und Wikipedia ist es umso wichtiger Kenntnisse über unsere Vergangenheit, über die Vergangenheit Deutschlands, Europas und der Welt auf eine gelungene Art vermittelt zu bekommen. Wolfgang Seidel gelingt dies. Mit ihm ist man des Pudels Kern näher denn je: auf „dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält.“


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