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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 15:34

Louann Brizendine: Das männliche Gehirn

07.10.2010

Kampf der Hormone

„Der Mann gilt als einfach, die Frau als komplex“, schreibt Louann Brizendine, um darauf vorzubereiten, dass sie mit ihrem Buch Das männliche Gehirn zu einem anderen Ergebnis kommt. Dafür wirft Brizendine ihre fünfundzwanzigjährige medizinische Erfahrung als Neuropsychiaterin in die Waagschale, zusammengefasst auf mehr als 300 Seiten. Das Ziel ist, die Verständigung zwischen den Geschlechtern zu verbessern. Von BASTIAN BUCHTALECK

 

Im Kern steht die Erkenntnis: Hormone bestimmen, wie sich das Gehirn verhalten will. „Aktivitätsdrang, Selbstbehauptung und wilde Spiele sind biologisch angelegt.“ Als typisch jungenhaftes Verhalten basieren sie auf der Wirkung von Testosteron, König der männlichen Hormone, und den weiteren Akteuren Vasopressin, Cortisol oder dem sogenannten Anti-Müller-Hormon. Die Kommunikationsschwierig­keiten zwischen Mann und Frau laufen auf den Widersatz Testosteron versus Östrogen, männliches gegen weibliches Sexualhormon hinaus.

 

Hormonell bedingte Kommunikationsschwierigkeiten

Die Autorin zeigt, wie sich ein Kinderhirn vom paarungssuchenden Hirn des jungen Mannes oder eines Vaters unterscheidet - und welch großen Anteil die männlichen Hormone am Mann im Manne haben. Beginnend mit dem acht Wochen alten männlichen Fötus, dessen Testosteronproduktion in den winzigen Hoden den Aufbau des Gehirns verändert. Über die Erkenntnis, dass Sex nicht immer zu Liebe führt, bei Männern aber eine unverzichtbare Voraussetzung dafür ist. Bis zum Beweis, dass das räumliche Sehen beim Mann besser ausgeprägt ist als bei der Frau: „am faszinierendsten fand ich die Beobachtung, dass das Areal für räumliche Bewegungen im männlichen Gehirn ständig eingeschaltet ist: Es arbeitet automatisch im Hintergrund. Im weiblichen Gehirn dagegen ist die betreffende Region im Schläfenlappen 'ausgeschaltet' und wartet, bis sie bei Bedarf aktiviert wird.“

 

Aber die grundlegende Frage nach der biologischen Determination, dem Zusammenspiel von Biologie und Sozialisation wird nur eröffnet, nicht beantwortet. Der bloße Nachweis, dass es sich bei menschlichem Verhalten um eine Mischung aus Anlage und Erziehung handelt, ist mager. Eben darin liegt das große Problem des Buchs. Es gibt nicht viel Neues zu berichten. Passenderweise umfasst das Buch zwar insgesamt 320 Seiten, der Inhalt findet jedoch schon nach 175 Seiten seinen Abschluss. Die verbleibenden Seiten sind mit Anmerkungen und einem sehr ausführlichen Literaturverzeichnis gefüllt. Darüber hinaus schießt das Buch partiell über das Ziel hinaus. Besonders beim Vergleich des Gehirns mit einer gut geschmierten Maschine, die von Testosteron-, Cortisol- und Vasopressinschüben überschwemmt wird. Diese Haltung verdeckt auf unkritische Weise, dass der Mensch trotz Hormonen und geschlechtstypisch geprägtem Hirn immer eine Wahl hat – selbst dann noch, wenn sein Hirn von Hormonen längst überschwemmt wird. Diese Freiheit, Herr über das das eigene Verhalten zu sein, wird nicht genügend gewürdigt.

 

Weiterhin ungeklärt: Verhältnis von biologischer Anlage zur Erziehung

Schließlich behält Brizendine mit ihrer einleitenden Aussage Recht: Die Vorgänge in den Hirnen von Männern und Frauen laufen tatsächlich ähnlich komplex ab. Aber männliche Gehirne streben nach weniger komplexen Lösungen – was zu Kommunikationsschwierigkeiten zwischen den Geschlechtern führt. In diesem Sinne bestätigt und negiert die Autorin ihre einleitende These vom einfach strukturierten Mann und der komplexen Frau. Zudem fehlt eine schlüssige These, die das Verhältnis zwischen Anlage und Erziehung aufhellt.

 

So bleibt Das männliche Gehirn ein verständlich geschriebenes Buch mit einigen interessanten Informationen, das bei den grundlegenden Fragen wenig Neues bietet und sich in manchen Formulierungen einer einseitigen Sichtweise verdächtig macht. Es scheint, als seien die vielfältigen Unterschiede zwischen Mann und Frau für die Fortpflanzung und für das Überleben notwendig, für das Zusammenleben aber hinderlich. Erst wenn die Fortpflanzung abgeschlossen ist, kommt es zu einer verbesserten Verständigung. „Hormonell wird das Gehirn eines reifen Mannes dem einer reifen Frau immer ähnlicher.“ Ganz zuletzt erklärt das Buch, warum Männer nach dem Sex sofort einschlafen. Der Fachbegriff lautet: Postkoitale Narkolepsie.


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