Biographie und Werk als Einheit
Drei der geplanten fünf Themenkomplexe konnte Palmier vollenden, der vierte bricht bereits früh ab, der fünfte – über das ebenfalls Fragment gebliebene Passagen-Werk – fehlt vollkommen. Was allerdings die erhaltenen und von Florent Perrier herausgegebenen Teile der Werkbiographie bieten, ist auch als Fragment von gar nicht zu überschätzender Bedeutung. Souverän manövriert sich Palmier durch die deutsche Geistesgeschichte, legt Querverbindungen innerhalb und außerhalb des Benjaminschen Werks und macht diesen erratischen Denker ein Stück greifbarer.
Methodisch verzichtet Palmier dankenswerterweise auf größere Ausführungen und unterwirft seine luziden Werkbeobachtungen nicht dem Diktat engstirniger Theoreme – dies hätte wohl auch dem dezidiert antisystemischen Systemdenker Benjamin gut gefallen. Stattdessen rekurriert Palmiers gelehrte Arbeit vor allem auf genaue philologische Beobachtungen; er bietet gleichsam einen Benjamin im close reading – getreu der lakonischen Anweisung Michel Foucaults „Man muß alles lesen, alles studieren“, die konsequenterweise auch den Klappentext einleitet. Umsichtig und knapp formuliert Palmier ein bescheidenes theoretisches Konstrukt, das die folgenden gut 1400 Seiten mühelos trägt:
„Mit unserem Versuch, den biographischen und den theoretischen Weg Benjamins als Einheit in den Blick zu nehmen, seine Einbettung in die Geschichte, die ständige Wechselwirkung der verschiedenen Problematiken, die in jedem seiner Essays, besonders aber im Passagen-Projekt zutage treten – die Philosophie der Sprache, die messianischen Elemente, die Philosophie der Kunst oder der Geschichte –, scheint es uns möglich, eine Reihe von Klippen zu umschiffen. Dazu gehören die Faszination, die sein Leben ausübt und die allzuoft zu einer eher hagiographischen oder mimetischen als kritischen Annäherung führt, die Reduktion seines Werkes auf ein Gerippe theoretischer Anschauungen und Begriffe sowie die jedem eindimensionalen Ansatz innewohnenden Beschränkungen, handelt es sich um einen literarischen, philosophischen oder politischen Zugang, selbst wenn ein jeder auf methodologischer Ebene seine Berechtigung haben mag.“
Statt eines eindimensional theoretisch begründeten Zugangs wählt Palmier also die geradewegs konservative Form der problemorientierten Werkbiographie und schafft es so tatsächlich, die postulierten Klippen der Benjamin-Forschung elegant und – vor allem! – sauber zu umschiffen. Palmiers bewundernswerte Akkuratesse führt allerdings beim Leser ab und an zu dem unbestimmten Gefühl, sich auch in Palmiers Textwelt – zusätzlich zum ohnehin uferlosen Textkonglomerat Walter Benjamins – verlieren zu können. Auch die Spritzigkeit seiner Prosa leidet etwas unter dem Diktat der philologischen Redlichkeit.
Dies sind allerdings angesichts dieser bemerkenswerten Veröffentlichung nichts weiter als Marginalia. Wer sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit Walter Benjamin beschäftigen will, kommt an Palmiers Monographie nicht vorbei – auch wenn sein Tod vor dem Abschluss der Arbeit noch Spielraum für weitere, ähnlich geartete Veröffentlichungen lässt. Die definitive (Werk-)Biographie fehlt also leider noch immer. Palmiers Arbeit ist jedoch ein noch lange gültiger Meilenstein auf dem Weg dorthin.

