Wolfgang Sander: Miles Davis
18.11.2010
Der Typ im Zentrum
Wer sein erstes Soloalbum Birth of Cool nennt, ist entweder ein Genie oder verrückt. Miles Davis war beides, fein abgeschmeckt mit unerbittlicher Coolness. Wolfgang Sander hat eine exzellente Biographie des Ausnahmemusikers vorgelegt, die viel mehr ist als nur das Bekenntnis eines Fanboys. JAN FISCHER hat sie gelesen.
Während diese Besprechung geschrieben wird, laufen Miles Davis gesammelte Werke im Shuffle, und das Schreiben muss immer wieder unterbrochen werden, einfach nur, weil es manchmal einfach nicht geht, ohne mit den Fingern zu schnippen, oder zumindest mit dem Kopf zu nicken. So gut ist das. Wie diese Filme. Ein Taxi in der Nacht, Menschen sitzen darin, und sie müssten schwarze Anzüge tragen. Und das Taxi gleitet unter Neonlicht dahin. In New York. Oder Paris. Und in dem Taxi darf man rauchen. In so einem Fall ist es nicht erlaubt, andere Musik zu hören. Es muss Miles Davis sein. By law.
Das ist die eine Seite der ganzen Sache: das Gefühl. Man kann das relativ leicht erklären, weil es dafür Bilder gibt, Neonlicht und Autofahrten, die langen, dunklen Nächte, die Miles Davis mit seinem Minimalismus ausstopft. Wolfgang Sander kann das auch: »Jedes Instrument ist die Verlängerung der Zunge«, ist der erste Satz seiner Miles-Davis-Biographie, und er leistet sich immer wieder so wunderbare kleine Bilder, um zu erklären, was diese Musik eigentlich ist. Sander macht keinen Hehl daraus - er kündigt es fairerweise schon im Vorwort an - dass er ein Miles-Davis-Fan ist, und daher neigen die Bilder, die er für Davis' Musik findet manchmal zur brachialen Glorifizierung.
Kleine Einführung in den Jazz
Aber das sind nur die extremen Ausformungen dieser Biographie, die ganz besonderen kleinen Solotöne. Sanders Werk ist vor allem deshalb gut, weil sie Miles Davis nicht als genialen, leicht verdrogten und dementsprechend schwierigen Standalone-Künstler abfeiert, sondern diesem Standalone-Künstler - in einem riesigen Rundumschlag - in der amerikanischen Musikgeschichte zwischen 1919 und 1991 auf die Spuren kommt: Im Prinzip ist Sanders Biographie auch eine kleine Geschichte des Jazz am Beispiel von Miles Davis, mit kleinen Abstechern in den Blues, Funk, Soul und Rock, größtenteils stilistisch unaufgeregt und stellenweise direkt charmant erzählt. Besser jedenfalls als würde man ein dementsprechendes Lehrbuch aufschlagen.
Alle Fäden beisammen
Die Stärke der Biographie liegt darin, dass Sander die Fäden alle beisammen hat: Er hat einen Überblick nicht nur über Davis' Plattenveröffentlichungen, was bei dem musikalischen Personalkarussell des Jazz immer schon schwer genug ist, er hat auch einen Überblick, wann Davis mit wem zusammengespielt hat, was noch viel schwerer ist. Und er hat, das ist unendlich wichtig, die kulturellen Fäden in der Hand: Davis und seine Musik hatten einen weitreichenden Einfluss nicht nur im Jazz, nicht einmal nur in der Gleichberechtigungsbewegung der Afroamerikaner, sondern sie waren auch die Musik der Wahl der Beat Generation und ihrem transatlantischen Pendant, der Pariser Existentialistenclique.
Und so erscheint Miles Davis in Sanders Biographie als glitzernde Figur, die mehr als 50 Jahre mit im Zentrum des Jazz und der ganzen Kultur drumrum stand, und sternförmig kleinere und größere musikalische Revolutionen ausstrahlte, als sein eigenes unendlich faszinierendes Monument: Miles Davis verstehen heißt einen wichtigen Teil der Kultur des 20. Jahrhunderts verstehen. Das kann man auch mit objektiveren Maßstäben als denen Sanders ohne Übertreibung sagen.
Ach ja, kurze Erinnerung an diese Bilder vom Anfang: New York, Paris, Taxi, Neonlicht, Anzüge: Es gibt einen Grund, warum sie so gut zu Miles Davis passen: Das hat er auch erfunden.


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