Um Sprachwissenschaft ernsthaft zu verstehen, bedarf es einer gehörigen Portion Interdisziplinarität. So wie Haarmann, der zu den weltweit bekanntesten Vertretern seiner Gilde gehört, zeitgemäße Sprachwissenschaft betreibt, bewegt sie sich im großen Bereich der Kulturwissenschaften. Erzählt wird in präziser und schnörkelloser Sprache, die man bei manchen Kulturwissenschaftlern sehnlichst erhoffen mag, von der Urheimat, den Lebenswelten und natürlich der weit verzweigten Sprache der Indoeuropäer. Ergänzt wird der Text mit 18 Schwarz-Weiß-Abbildungen und 4 Karten.
Die nach der letzten Eiszeit nach Norden wandernden Vertreter der höheren Säugetiere brachten neben den Menschen auch Schafe, Ziegen und Pferde in den Raum zwischen den Flüssen Dnjepr im Westen und Samara im Nordosten. Dort gelang den Menschen etwas, was maßgeblich den Verlauf der Geschichte bestimmte, nämlich die Domestikation des Wildpferdes. Auf dem Rücken der Pferde konnten die Indoeuropäer eine kulturelle Expansion weltgeschichtlichen Ausmaßes erreichen. Die Viehnomaden aus der südrussischen Steppe brachten das Pferd als Haus- und Nutztier in alle Welt und verbreiteten damit auch ihre Sprache.
Die Wandertätigkeit der Indoeuropäer führte sie ab ca. 4000 v. Chr. nach Westeuropa, wo sie sich mit den zumeist Ackerbau betreibenden Alteuropäern vermischten und so bedeutende Sprachgruppen wie das Griechische, Keltische, Germanische, Italische und Slawische schufen. Die alteuropäischen Wurzeln in der Sprache zeigen sich vor allem in Wörtern aus der Landwirtschaft. Die Migration nach Osten ab ca. 2500 v. Chr. brachte die Indoeuropäer in den Mittleren Osten und nach Indien, wo die iranischen und indischen Sprachgruppen entstanden, die eng miteinander verwandt sind.