Eigenname als sprachliche »Verbildlichung« des Spiegelbildes
Entsprechend groß sind die Erwartungen an den Hauptteil. Im ersten Kapitel sucht Widmer den Rahmen einer psychoanalytischen Theorie des Eigennamens abzustecken, der von Freuds Gedanken zum Eigennamen aus der Psychopathologie und der Traumdeutung seinen Anfang nehmend über Einzelstudien besonders aus der französischen Lacanschule hinweg schließlich auf die Stellung des Eigennamens bei Lacan selbst reicht. Der Wert von Widmers Darstellung in diesen Abschnitten ist vor allem darin zu sehen, dass er die besonders bei Freud doch sehr verstreuten Aussagen zum Eigennamen versammelt und die davon ausgehenden Rezeptionslinien miteinander ins Gespräch bringt. Zu bemängeln ist allein, dass dabei hauptsächlich die Positionen von Serge Leclaire, Philippe Julien und Françoise Dolto thematisiert werden, weiterführende Studien bzw. Reaktionen auf diese Überlegungen hingegen nur am Rande genannt werden.
Mit dem darauf folgenden Kapitel »Eigenname und Epistemologie« greift Widmer schließlich dezidiert die Ausgangs- und Leitfrage des Buches nach dem Verhältnis des Individuums zum Eigennamen wieder auf und verbindet sie mit seinen früheren Untersuchungen »Zur Bedeutung des Körperbildes für die Realität des Subjekts«. Über Lacans Theorie des Spiegelstadiums hinausgehend sieht Widmer die Konstitution des Subjekts eng mit einer Phantasmatik der Eltern verbunden, einer im Namen eingeschriebenen und durch ihn ausgedrückten Vorzeichnung: »In diesem Sinn ist [der] Eigenname Ausdruck des Unbewussten, Diskurs des Anderen, wie Lacan sagt, und doch Kern seiner Existenz, bewusst und doch – in seiner ganzen Tragweite – unbewusst.« Der Eigenname sei so als die sprachliche »Verbildlichung« des Spiegelbildes, letzteres gar als der »Ausdruck« des Namens zu verstehen, von Eigennamen »immer schon infiziert« und »kontaminiert«.
So weit reichend diese Überlegungen in ihrem Kern bzw. ihrer Anlage sind, so sehr überrascht es, dass Widmer bereits nach wenigen Seiten konziser und innovativer Argumentation wieder in eine Aneinanderreihung von Fallbeispielen zurückfällt, ohne diese auf den theoretischen Grundansatz rückzubinden. So sind die Fallbeispiele nicht Exemplifikationen und Explikationen eines systematisch gefassten und abstrahierten Gedankens, sondern vielmehr dessen ›shifter‹ und Substitut. Die Dimension und Funktion des Eigennamens als Schrift, in seiner Bedeutung als Initiale oder in verschiedenen Diskursformationen verliert sich ins Konkrete und Vereinzelte. Zwar gelingt es Widmer sich streckenweise – wie beispielsweise im Kapitel »Eigenname und Genießen« – aus der Reihung der Zeugen und Zeugnisse zu lösen und die eigene Position deutlich werden zu lassen. Dominierend bleibt jedoch, dass sich der (an vielen Stellen sicherlich gewaltsame, dabei jedoch stets innovative) spekulativ-abstrahierende Zug, den Lacans Deutungen und Ableitungen besitzen, bei Widmer ins Gegenteil verkehrt. So bilden die innovativen Fragen und Ansätze, die Widmer in den Vorbemerkungen der einzelnen Kapitel entwirft, größtenteils einen nur schemenhaft skizzierten, letztlich jedoch ungefüllten Horizont einer Theorie des Eigennamens. Allein im letzten Kapitel, in dem Widmer »Klinische Strukturen, Übertragung und die ethische Dimension des Eigennamens« thematisiert, gelingt es ihm, die dominante und oftmals zerfasernde Vielfalt des Konkreten in eine systematische Darstellung einzuholen und die über den gesamten Band exponierten Beispiele in allgemeineren Kontexten und Überlegungen fruchtbar zu machen.
So bleibt Widmer allein Stichwort- und Stellengeber, dessen Interpretationen die von Lacan programmatisch geforderte ›Rückkehr zu Freud‹ nun auch für Lacan selbst nahelegen. Wenn am Anfang des Buches davon die Rede ist, dass die Psychoanalyse und ihre Genealogie untrennbar mit dem Patronym ›Freud‹ konnotiert sind, so ist darin ein vielleicht weitaus stärkerer Imperativ der Relektüre ausgesprochen, als es der Autor intendierte: Freuds Fallbeispiele in der Traumdeutung oder in Totem und Tabu oder Lacans Ausführungen in L’identification oder Le Sinthome besitzen noch immer weit mehr Potenzial, als Widmer in seinen Ableitungen zu entwickeln vermag.

