Frankie Chavez: Family Tree TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) von Michael Ebmeyer Andrea Maria Schenkel: Finsterau "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Kennzeichen T - 28.04.2012
Donnerstag, 24. Mai 2012 | 15:53

Michaela Vieser / Irmela Schautz: Von Kaffeeriechern, Abtrittanbietern und Fischbeinreißern

14.01.2011

Reise in verschwundene Berufswelten

Zu allen Zeiten mussten Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten, und das auf nicht immer sehr angenehme Art und Weise. In Von Kaffeeriechern, Abtrittanbietern und Fischbeinreißern präsentieren Michaela Vieser und Irmela Schautz jene Berufe, die längst verschwunden und meist vergessen sind - kurzweilig erzählt, schön illustriert und nachdenklich stimmend. Von FRANK KAUFMANN

 

Ebenfalls längst Geschichte, aber für viele noch erinnerungsfähig, mag Robert Lembkes Was bin ich?, das heitere Beruferaten sein. Eine gemütliche Abendsendung, in der Berufe - mitunter auch seltene, komische und kuriose - erraten werden mussten, die dann zur allgemeinen Erheiterung, aber auch zum Verständnis der Tätigkeitsfelder beitrugen. Dies gilt auch und im besonderen Maße für die nun von Vieser und Schautz (Illustration) vorgestelltenBerufe aus vergangener Zeit, die aber bereits so vergessen und abseitig sind, dass man sie meistens nicht mehr kennt, geschweige denn erraten könnte.

 

Oder wer weiß, um ein Beispiel aus diesem kuriosen Berufskabinett zu geben, was ein Zeidler den lieben langen Arbeitstag so machte? Dabei ist gerade der Zeidler - ein Bienenzüchter, der Honig und Wachs im Wald verarbeitete - einer der Berufe, der immerhin noch eine gewisse Idylle vermittelt, die uns Heutigen manchmal so fehlt. Den ganzen Tag verträumt im Wald herumzusitzen, erscheint vielen angesichts eines hektischen Büroalltags als beinahe paradiesisch. Das ist aber schon bei den Köhlern ganz anders. Trotz allerlei romantischer Verklärungen, hausten sie doch ebenfalls abgelegen aber mit geschwärztem Gesicht im Wald und betrieben Kohlenmeiler, mit denen sie Holzkohle herstellten. Um es klar zu sagen: Ihr Leben war von Dreck und Unsauberkeit geprägt: »Zog einer mal seinen Strumpf aus, so soll er aufrecht gestanden haben – der Strumpf.«

 

Noch ein bisschen unangenehmer war wohl die Tätigkeit des Abtrittanbieters, der in windelfreien Zeiten und lange vor Erfindung des Dixi-Klos mit mobilen Aborten reüssierte. Dem Notdurft verrichtenden Kunden wurde ein Umhang umgelegt, unter dem er dann öffentlich sein Geschäft verrichten konnte oder musste. Olfaktorisch weniger belastend dürfte da schon die Arbeit des Kaffeeriechers gewesen sein, ein Beruf, der nur dadurch entstanden war, dass strenge Einfuhrbestimmungen und hohe Zölle den Kaffeeschmuggel attraktiv gemacht hatten. Als sich der Gesetzgeber eines besseren besann, verschwand dieser Beruf genauso schnell wie er entstanden war.

 

Michaela Vieser und Irmela Schautz
Foto: Caroline Otteni Michaela Vieser und Irmela Schautz
Foto: Caroline Otteni

Vom nachdenklichen Blick dahinter

Viele andere der einsichtig erläuterten Berufe, sorgfältig recherchiert und aufbereitet, überdauerten dagegen Jahrhunderte, wie etwa der Urinwäscher - auch Follone genannt - den es schon im Altertum gegeben hatte, oder die Amme, auf deren Dienste die feinen Damen nicht verzichten konnten oder wollten. Und obwohl der Unterhaltungswert zunächst enorm ist, mischen sich mehr und mehr nachdenkliche Töne in die Beschreibung der fernen Berufswelten, die Einblick in die elenden, teils tragischen Lebenswelten, geben. Besonders etwa das Schicksal der Sandmänner und ihrer Kinder, die für die Reinigung der guten Stube Sand abgruben, verarbeiteten und verkauften, ist in diesem Zusammenhang erwähnenswert. »So wie der Sand die Dielenböden sauber scheuerte, so rieb er auch die Haut der Tagelöhner wund. Er rieselte in ihre Augen, die sich davon entzündeten und rot anliefen, und er sammelte sich langsam, aber unaufhaltsam in ihren Lungen«, wodurch viele früh und elend starben. Überhaupt fällt auf, dass die meisten der stets anschaulich und lebendig vorgestellten Berufe kaum je einer Zunft angehörten, einem Zusammenschluss von Menschen, die als Einheit hätte auftreten können.

 

So ist also neben einem unterhaltsamen Buch, das neben den Berufen auch immer einen guten Einblick in die Lebenswelten der damaligen Zeit bietet, auch ein Buch über das Schicksal so vieler Menschen und ein Stück Sozialgeschichte entstanden. Dank der ansprechenden Illustrationen gelingt eine Anschaulichkeit, die die einzelnen Berufe und Tätigkeitsfelder wieder lebendig werden lässt. Ein schönes, unterhaltsames und dennoch nachdenkliches Buch liegt hier vor, das zu einer Reise in verschwundene Berufswelten einlädt - nach dem Motto: was man damals hätte werden können und leider - oder zum Glück - nicht mehr werden kann oder muss.


Flattr this

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Unser Lieblingssufi live!!

06.06. Aachen, Musikbunker
07.06. Hannover, Musiktheater Bad
19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich
20.06. Berlin, Gretchen
21.06. Leipzig, UT Connewitz
22.06. ...

Sorry wegen dem Auge

Das ist ein TATORT, der gut gefallen kann. Mag sein, es kommt zum Ende hin ein bisschen dicke. Aber wie man’s nimmt. »Wir freuen uns, in der Reihe Tatort am Pfingstmontag mit ...

Maigrüße

Ich liebe den 1. Mai. Tag der Arbeit! Der Tag an dem wir den Vorkämpfern der Arbeiterbewegung gedenken. Der Tag, an dem wir demütig unsere Häupter neigen vor | weiterlesen

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...

Ecce Homo

»Siehe, der Mensch!« - so wird allgemein Ecce Homo übersetzt. Napoleon soll Ähnliches zu Goethe bei ...

Maler der Farben und Formen

Üppige Figuren und bunte Farben sind die Markenzeichen des kolumbianischen Malers Fernando Botero. Anlässlich seines 80. Geburtstags zeigt die Galerie Samuelis Baumgarte Bilder, ...