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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 15:53

Alexandra Klobouk: Istanbul, mit scharfe Soße?

14.01.2011

Scharfe Soße? Aber gerne!

Der Rezensent gibt zu, eine bestimmte Sorte von krampfhaft lustigen deutschen Büchern über unsere Nachbarn (Maria, ihm schmeckt’s nicht!) überhaupt nicht zu mögen. Und war dafür umso positiver überrascht, als er das charmante Büchlein Istanbul, mit scharfe Soße? der Berlinerin Alexandra Klobouk zur Hand nahm. Von PETER BLASTENBREI

 

Denn Klobouk hat etwas getan, was eigentlich selbstverständlich sein müsste, wenn man Zweifel an gängigen Botschaften und Diskursen bekommt: selbst zu sehen und selbst zu hören. In diesem Fall die Türken und die Türkei. Aufmerksam geworden durch eine ungewöhnliche Fernsehsendung über die Musikszene Istanbuls entschloß sie sich, ein Semester ihres Grafikstudiums dort zu verbringen, nicht ohne einen Türkisch-Sprachkurs allerdings. Es war Liebe auf den ersten Blick, deren Frucht, weil Klobouk eben Grafikerin ist, ein wundervolles Bilderbuch geworden ist. In dessen sympathische arbeitende, handelnde, Tee schlürfende, weinende und lachende Strichmännchen und -weibchen sich der Rezensent seinerseits verliebt hat. Sein absoluter Favorit: der nachdenkliche wie ironische Blick auf die ungezählten Möglichkeiten türkischer Frauen, sich halb oder ganz oder nur marginal islamisch zu verhüllen und dabei, außer dem Haar natürlich, erstaunlich viel zu zeigen. Das muss man sehen, um es nachher auf den Kreuzberger Straßen zu überprüfen.

 

Istanbul singt, hupt, brüllt

Alexandra Klobouk hat einen ausgesprochenen Blick für komische Situationen: Sitten und Gebräuche, Redensarten, Verständigungsschwierigkeiten, türkische Küche (bekanntlich die beste der Welt), wie man türkischen Kaffee braut (und was man in seinem Satz liest), Atatürk für jede Gelegenheit, die türkische Familie, der chaotische Verkehr und vieles andere mehr. Aber Istanbul ist kein Kuriositätenkabinett. Klobouks scharfer und zugleich liebevoller Blick zeigt den Alltag und auch seine weniger schönen Seiten: die Gefahr von (echten) Bombenanschlägen (von welcher Seite auch immer), die allgegenwärtige Polizei, die bittere Armut vieler Einwohner, die unergründlichen Tücken einer allmächtigen Bürokratie und die Not vieler junger Leute zwischen Elternhaus, Arbeitslosigkeit und Militärdienst.

 

Man weiß nicht, was man mehr bewundern möchte, die feinen, aber ebenso ironischen und hintergründigen Bilder oder den frechen und dennoch liebevollen Text (in Deutsch und Türkisch). Klobouk kann aber noch mehr. Als Grafikerin ist sie ein Augenmensch, aber sie bringt die Metropole auch zum Klingen. Ihr Istanbul singt, ruft seine Waren aus, redet durcheinander, hupt und brüllt und ist manchmal so laut, dass man sich die Ohren zuhalten möchte. Aber merke: wer lebt, muss sich bemerkbar machen. Einzige Irritation: das unangenehme »Türkendeutsch« des Titels.

 


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