Spezialist für vieles
Der prächtig formatierte und gediegen ausgestattete Dohnányiband mit dem auf etwas spröde Art schönen Titel OFFEN SEIN ZU - HÖREN ist so etwas wie ein verspätetes Geschenk zum 80. Geburtstag des Dirigenten und, ja durchaus, ein aktuelles musikpolitisches Kompendium für den Leser. Herausgeber Klaus Schultz, der viele Jahre ein enger Mitarbeiter Dohnányis war, führte zahlreiche Gespräche und brachte den Künstler zum Reden – und Dohnányi, dem das Schreiben von Memoiren anscheinend fernliegt, äußerte sich da immer ebenso klug wie freimütig. Ohne viel Aufhebens davon zu machen, erzählt er auch, wie er als 15jähriger in der Berliner Wohnung nach dem 20. Juli den Abtransport seiner Eltern von der Gestapo miterlebte (sein Vater wurde hingerichtet).
Zu den Ko-Autoren, die einzelne Aspekte oder Stationen der Dirigentenlaufbahn beleuchten, gehören (der ältere Bruder) Klaus von Dohnányi, Stephan Mettin, Peter Mario Katona, Ulrich Schwab und Gerard Mortier. Anja Silja, die frühere Gattin, widmet dem »künstlerischen und persönlichen Partner« souverän warmherzige Gedanken.
Bevor er seine langjährige Bindung an das Cleveland-Orchester einging – oft als das traditionell beste aller amerikanischen Spitzenorchester apostrophiert, und mit Dohnányi ist es bestimmt nicht schlechter geworden – bezeichnete der Dirigent sein Frankfurter Operndirektorat als den Höhepunkt seiner Laufbahn. In der Tat hat die dezidiert »moderne« Ausrichtung der Frankfurter Oper nicht erst mit Gielen/Zehelein begonnen, sondern bereits in der – wenn auch noch nicht ganz konsequent – dramaturgisch gewitzten vorangegangenen Ära.
Eine von Dohnányis Pioniertaten war da die Entdeckung des Regisseurs Peter Mussbach – die nach einer historisch »zu frühen« Dekonstruktion der »Götterdämmerung« (ein Jahr vor dem Bayreuther »Jahrhundert-Ring« Patrice Chéreaus) nach hausinternen Querelen sofort wieder kassiert wurde. Diese kleinmütige Entscheidung Dohnányis warf insgesamt einen (womöglich ungebührlich) langen Schatten auf seine Frankfurter Arbeit.
Christoph von Dohnányi ist am Dirigentenpult ebenso gerne ein feinsinniger Ziseleur wie ein Entfessler gewaltiger Klangräusche. Er liebt diese gerne »on the rocks«, und deshalb ist er, der immer sehr viel Richard Strauss und besonders die »harten« Sträusse dirigiert hat, ein ganz spezieller Strauss-Liebhaber, der sich niemals mit der politischen Dummheit dieses Musikers versöhnen kann, aber auch niemals dessen faszinierende musikalische Intelligenz aus dem Auge (und Ohr) verliert.
Dohnányi hat ein großes, vor allem aber ein vielfältiges Repertoire. Er ist aber kein »Allesfresser« unter den Interpreten, eher ein »Spezialist für vieles«. Über Komponisten hat er eigene und fundierte Ansichten. Scheinbar en passant gelingen Dohnányi dabei wunderbar erhellende Formulierungen, etwa: »Mendelssohn war jemand, der so viel fand, dass er das Suchen nicht lernen musste«. Überall in den Gesprächen kommt er zu wichtigen Einsichten. Der eher nüchterne Mann wirbt vielleicht nicht sonderlich um Sympathie. Aber der aufmerksame Leser dieses Buches wird sie ihm – immer mehr, immer dankbarer – entgegenbringen.
