Weltverbesserer oder Verräter?
Erstaunlich viele dieser Exkurse unternehmen die Autoren auf den 176 Buchseiten. Die Frage, die im Klappentext aufgeworfen wird, ob Julian Assange nun Weltverbesserer oder Verräter sei, beantworten die Autoren im Grunde gar nicht. Das ist per se nicht tragisch, da die dargebotenen Informationen uns dazu veranlassen, ein eigenes Bild von Assange zu zeichnen. Dabei berichtet das Autorenduo recht ausgewogen, aber auch distanziert – weitgehend unter Einbeziehung von Sekundärquellen. Interviews, O-Töne oder investigative Recherchen vermissen wir an dieser Stelle. Dennoch führt das dargebotene Material die zahlreichen widersprüchlichen Facetten des Julian Assange plastisch vor Augen. In seiner unsteten Kindheit und Jugend zieht seine Mutter mit ihm kreuz und quer durch sein Heimatland Australien. Er verbringt ein Vagabundendasein, das sein weiteres Leben bestimmen wird. Noch heute hat er keinen festen Wohnsitz; Sicherheit und Halt findet er nur in den globalen Netzwerken, in denen er sich scheinbar mit traumwandlerischer Sicherheit bewegt. Auch hinterläßt er wenig greifbare Spuren. Die gesamte Existenz Assanges ist von Verschleierungen und Widersprüchen gekennzeichnet: So wird seine Behauptung, er habe Wikileaks anonym betreiben wollen und sei nur auf Mediendruck ins Rampenlicht getreten, von vielen seiner ehemaligen Weggefährten heftig bestritten.
Trotz des oft unklaren Aussagewerts von Assanges biografischen Erlebnissen verzichten Kathrin Nord und Carsten Görig weitgehend auf spekulative Darstellungen. Sie bewegen sich auf einer deskriptiven Ebene, was das Verständnis der Zusammenhänge erleichtert, was allerdings auch eine Distanz zwischen Lesern und Protagonisten schafft. Das Buch reißt nicht mit – es informiert.