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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 16:06

Karl-Wilhelm Weeber: Rom sei Dank!

18.03.2011

Dem Lateinlehrer sei Dank!

Karl-Wilhelm Weeber hat ein wunderbares Kompendium seiner bisherigen, vor allem kulturhistorischen Arbeiten zur römischen Antike veröffentlicht: Rom sei Dank! verdient uneingeschränktes Lob. Von SEBASTIAN KARNATZ

 

Die Geschichte der deutschen Gelehrtenschelte kennt spätestens seit den Zeiten der Aufklärung den etwas verbiesterten Typus des Schul- bzw. später auch des Hochschullehrers, der im Gegensatz zum genialischen Forscher für das biedere Einpauken von Lernstoff verantwortlich zeichnet. Friedrich Schiller klassifiziert diesen Typus in seiner Antrittsvorlesung an der Universität Jena naserümpfend als »Brotgelehrten«, Jean Paul stilisiert den armen (Dorf-) Lehrer in seiner Erzählung vom Schulmeisterlein Wutz zum leidlich begabten, ahnungslosen Luftschlossbauer und Carl Spitzweg zeigt uns mit der maximalen Portion an Boshaftigkeit, die er aufbringen konnte, einen faden Biedermann, der angestrengt über ein kleines Brücklein balanciert. Kein Zweifel, gut beleumdet ist jener Typus des Lehrers, des gelehrten Vermittlers hehrer humanistischer Bildung in Deutschland schon etwas länger nicht mehr. Da passt Thomas Manns garstige Karikatur des Lateinlehrers Mantelsack in den Buddenbrooks nur allzu gut ins Schema.  

 

Carl Spitzweg:
Das Schulmeisterlein
auf dem Steg (um 1839/40) Carl Spitzweg:
Das Schulmeisterlein
auf dem Steg (um 1839/40)

Vom sündigen römischen Nachtleben

Karl-Wilhelm Weeber verkörpert die aktualisierte Fassung jenes Typus des Schulmeisters – noch dazu in seiner exponentiell gesteigerten Form als Lateinlehrer. Dies allein schon dürfte manch gestandenem Leser den erinnerungssatten Angstschweiß auf die Stirn treiben. Es gilt diesen Reflex zu überwinden – ansonsten würde man eines der schönsten deutschsprachigen Sachbücher des Winters verpassen. Denn nicht nur das biedermeierliche »Schulmeisterlein« steht in der deutschen Geschichte für das Rollenbild des Lehrers, sondern auch jener Typus des lehrenden Gelehrten, der von den frühen Humanisten bis zu Humboldt führt; jener Weg, der auch heute noch von engagierten Lehrkräften fortgesetzt wird, die sich eben nicht nur als blanke Wissensvermittler verstehen, sondern vielmehr als Fortsetzer einer Tradition, die für die Freiheit des Geistes, für Bildung als Wert an sich steht.

 

Zweifellos darf man Karl Wilhelm Weeber ohne jegliches Zögern in diese Kategorie einordnen. Seinen Namen verbindet der Rom-affine Leser ohnehin schon seit geraumer Zeit mit zahlreichen altphilologisch-kulturhistorischen Standardwerken, die die Leserschaft profund in die antike Alltagsgeschichte einführen. So dürfte sich so mancher Latein-Leistungskurs an Weebers durchaus sündigem Nachtleben im alten Rom berauscht haben.

 

Mit Rom sei Dank legt Weeber nun so etwas wie die Summe seiner bisherigen Arbeiten vor – einen klugen Band über Geschichte und Nachwirken der römischen Antike, der dem Leser mit Verve und profundem Sachwissen vor Augen führt, wie viel Rom tatsächlich noch in unserem heutigen Europa steckt. Programmatisch betitelt Weeber dann auch seine Einleitung mit Rom – Vergangenheit und Gegenwart. In den kurzen, leserfreundlichen Kapiteln schlägt Weeber einen weiten Bogen von der ästhetisierten Herrschaftspropaganda des Augustus über Caesars politische Selbststilisierung in seinem Bericht aus dem Gallischen Krieg bis hin zu den juristischen und architektonischen Glanzleistungen des römischen Imperiums. 

 

Ein kulturhistorisches Panorama des alten Rom

Dabei gelingt Weeber mit einem kleinen literarischen Kniff eine höchst amüsante Auflockerung des stets detail- und kenntnisreichen Textes: Er schaltet den Kapiteln kleinere fiktive Prosaskizzen vor, die exemplarische Szenen aus dem jeweils behandelten Themengebiet wiedergeben. So begegnet der blendend unterhaltene Leser allerhand Figuren der römischen Geschichte – zum Beispiel dem Staranwalt Titius Aristo, der einen juristischen Kompromiss von gleichsam europäischer Tragweite aushandelt und dem Regisseur Lepidus, der für Vespasian die megalomanischen Zirkusspiele zur Eröffnung des Kolosseums entwirft. 

 

Aus der Verquickung von fiktiven – aber stets nahe an der historischen Plausibilität gehaltenen – Texteinschüben und ausführlichen historischen und literaturwissenschaftlichen Erörterungen entsteht tatsächlich so etwas wie ein kulturhistorisches Panorama des alten Rom, das den Leser bildet und unterhält zugleich. Stets setzt Weeber dabei, ganz dem Ideal des wissensvermittelnden Lehrers verpflichtet, auf behutsame Aktualisierungen des Diskurses, auf Brücken, die von der Antike in die Gegenwart reichen. Geist- und ahnungslosem Gewäsch wie den jüngsten Äußerungen Guido Westerwelles zu »spätrömischer Dekadenz« begegnet Weeber allerdings wohltuend polemisch mit der angemessenen Schärfe, auch wenn er an anderen Stellen im Gegensatz zu seinem universitären Geistesverwandten Wilfried Stroh (dessen wunderbare Streitschrift Latein ist tot, es lebe Latein! ebenfalls an dieser Stelle rezensiert wurde) vor allzu rigiden Urteilen zurückschreckt und behutsam abwägend argumentiert.

 

Die sagenumwobene Laokoon-Gruppe Die sagenumwobene Laokoon-Gruppe

Rom sei Dank! ist also alles in allem ein kluges, gelehrtes Buch geworden, das man jedem, der auch nur einen Funken Interesse an der historischen Grundierung Europas aufbringt, wärmstens ans Herz legen muss. Es erschöpft sich dankenswerterweise nicht in dem bekannten Diskurs um das Für und Wider des gymnasialen Lateinunterrichts, sondern liefert gleichsam en passant dutzendweise Gründe für das schulische Studium der lateinischen Sprache und Kultur, das um Himmels willen nicht zu einer rein äußerlichen Auszeichnung einer neuen pseudo-bürgerlichen Funktionselite verkommen darf.

 

Wer Weeber liest, dürfte vor solchen Anwandlungen gefeit sein – erkennt er doch hier den immer noch zuhauf vorhandenen geistigen Zündstoff, den die großartige lateinische Weltliteratur im Positiven wie im Negativen mit sich bringt. Dank sei Weeber für dieses Buch und Dank sei – in einer stillen, heimlichen Minute – unseren Lateinlehrern, die den Kampf gegen unsere eigene Geschichtsvergessenheit tagtäglich wieder aufzunehmen haben.

 

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