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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 11:29

Drewes / Reinecke: Waschbär erster Klasse

27.05.2011

Nicht immer »Ssssänk ju for trävelling«

»Humorvoll« und »kurzweilig« – das sind nicht unbedingt die beiden Adjektive, mit denen man die Deutsche Bahn zuvörderst in Verbindung bringen würde. Waschbär erster Klasse zeigt den Grube-Verein jedoch aus einer anderen Perspektive – und ANNETTE CHRISTINE HOCH hatte tatsächlich eine humorvolle, kurzweilige Bahnfahrt.

 

Es gibt sie noch, die guten Dinge: den Verstoß gegen die Dienstvorschrift, das klimaanlagenbedingte Freibier im Bordbistro, den Gutschein für eine überbezahlte Bahncard. Ihnen setzt dieses Büchlein ein Denkmal. Und all den guten Menschen, die man bei der Bahn nicht unbedingt vermutet: dem Schalterbeamten, der sich als umgänglicher Zeitgenosse und nicht wie eine fleischgewordene Büroklammer geriert, der Zugführerin, die charmante Durchsagen in allgemeinverständlichen Worten durch den Lautsprecher schickt und sich dabei auch das »ssssänk ju for trävelling wiss Deutsche Bahn« verkneift.

 

»Waschbär erster Klasse« ist kein Bahn-Bashing – das gab’s schließlich schon, und das mehrfach. Die beiden Herausgeber Mirco Drewes und Jochen Reinecke wollten vielmehr ein Geschichtenbuch zusammenstellen, das den Mikrokosmos Bahn in all’ seinen Facetten darstellt: »als räumlich und zeitlich begrenztes Biotop, als Brennglas, unter dem soziale Unterschiede und menschliche Eigenarten auf ganz besondere Art und Weise hervortreten.«

 

Geschichten aus dem Bahnfahreralltag - Ssssänk ju!
Foto: Deutsche Bahn Geschichten aus dem Bahnfahreralltag - Ssssänk ju!
Foto: Deutsche Bahn

Eine Fundgrube!

Und das tun sie, die Eigenarten: Sehr deutlich treten sie auf den 165 Seiten, die den Kosmos umschließen, hervor. Das Buch ist aus einer Masse von Einsendungen entstanden, die nach Aufrufen bei der Welt, Welt am Sonntag und Welt kompakt eingegangen waren. Herausgekommen sind 73 »skurrile, komische, ärgerliche oder sonst wie bemerkenswerte, stets aber wahre Geschichten aus dem Bahnfahreralltag«. Reisende aus ganz Deutschland haben sie zusammengetragen, die Handlung spielt meist in Deutschland, aber auch Zugfahrten in Indien, Frankreich, der ehemaligen Sowjetunion, Italien, Polen und Bayern werden festgehalten.

 

Rührende Geschichten vom Finden der großen Liebe beschreibt das Büchlein, unglaubliche Mittel, einem Viel-und-Laut-Telefonierer die Freude am Wichtigtun zu verderben oder auch die Findigkeit von Bahnangestellten, entlaufene Fracht-Tiere zu ersetzen. Dabei stammen die

meisten Texte nicht von Profi-, sondern von Normalschreibern. Doch das tut der Sache keinen Abbruch: denkwürdig und lustig sind die Geschichten allemal. Vieles von dem, was berichtet wird, kennt der Bahnreisende aus eigener Erfahrung, bei manchen Erlebnissen fragt man sich, ob es so etwas wirklich geben kann. Eine Fundgrube! Mit quasi meditativem Charakter – inspiriert sie doch zur Demut bei jeder künftigen Bahnfahrt. Frei nach dem Motto: »Lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen.« Ssssänk ju!

 

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