Peter Anders: Was vom Tode übrig bleibt
20.05.2011
Nicht immer quick and dirty
In Krimis ist der Tod meist eine saubere Sache: hier ein telegenes Einschussloch an der Schläfe, dort ein rot durchgefärbtes (aber größtenteils noch weißes Hemd), schlimmstenfalls mal eine Blutlache, genau abgezirkelt. Im wirklichen Leben kommt das Sterben oft wenig formschön daher. Wie, das wissen Polizei- und Rettungskräfte, Feuerwehrleute – und Menschen wie Peter Anders. Er ist Tatortreiniger und beschreibt in Was vom Tode übrig bleibt seine Arbeit. Von ANNETTE CHRISTINE HOCH
Das Auffälligste an Peter Anders sind seine Augen: Sie wissen alles. Alles scheinen sie schon gesehen zu haben, alle Arten von Tod, Leichen in jedem Stadium, Tote in sämtlichen Variationen. Vom Titel seines Buchs schaut der Tatortreiniger dem Leser direkt in die Augen. Unaufgeregt und wissend. Mehr noch: Es liegt etwas in seinem Blick, das sich nicht beschreiben lässt. Vermutlich braucht es Tausende Tode, Tausende Schicksale, Tausende Abgründe, bis ein Mensch so schaut wie Peter Anders.
Manchmal ist es erstaunlich viel, was vom Tode übrig bleibt – das vollkommen vermüllte Zimmer eines 23-jährigen Alkoholikers mit Hepatitis B, dessen Mutter auf Anraten des Notarztes nach einer Fachkraft sucht, die die sechzehn Quadratmeter desinfiziert. Die hühnersuppenartige Flüssigkeit in der Badewanne einer alten Dame. Oder das rote Schlachtfeld in der Wohnung eines Amokläufers, das sogar für den erfahrenen Todesputzer eine Premiere bietet: »Etwas Derartiges hatte ich noch nie gesehen.«
Manchmal bleibt auch gar nicht so viel übrig. Vielleicht ist es ein Fleck auf dem Boden, an der Stelle, an der ein Mann den Sommer verbrachte. Nachdem er mit einer ausreichenden Dosis Tabletten für sein Ableben gesorgt hatte und während der Geruch seines zerfallenden Körpers in den Estrich tropfte. Vielleicht ist es noch nicht einmal ein Fleck, sondern »nur« der Geruch – »muffig, süßlich, modrig« – der schier unauslöschlich in Wohnung oder Treppenhaus haftet und dem Peter Anders und seine Kollegen mit Chlorbleichlauge und Wasserstoffperoxyd, in hartnäckigen Fällen auch mit Bohrmeißel und Motorsäge, zu Leibe rücken.
Peter Anders
Foto: Kay Blaschke
Chemisch, biologisch, juristisch
Alle Sinne sind bei der Lektüre dieses Buchs herausgefordert. Dem standhalten, was das Sterben zu bieten hat, ist nicht nur für den Tatortreiniger mitunter schwer – »Direkt über die Nase zum Würgereiz, da gibt’s kein Nachdenken oder Bewerten mehr, dann übernimmt der Körper die Kontrolle«. In einigen der 30 Kapitel dieses Buchs ist auch für den Leser allein die Beschreibung – obwohl gänzlich geruchsfrei – eine Herausforderung, körperliche Abwehrreaktionen unter Kontrolle zu halten.
Doch es geht nicht nur um den Tod und seine Darstellungsformen; man erfährt viel über chemische Prozesse, über biologische und gesetzliche Grundlagen. Warum riecht Leichengeruch, wie er riecht? Wie wirkt ein Zuviel an Alkohol auf den Körper? Und auch eher Randständiges wie Vorgaben bei der Müllbeseitigung finden Erwähnung – so lassen sich 200 Kilo blutgesprenkelten Schnees durchaus via Gully entsorgen, ein beflecktes Sofa wird in München kleingehackt und verbrannt, in Freising dagegen wie Sperrmüll auf der Deponie gelagert. Und zum Entfernen von Hirnmasse an der Kellerwand benutzt man am besten Spachtel mit Plastik- statt Holzgriff.
Verbale Kraftmeiereien
Die Geschichten sind stark und eindrücklich; Peter Anders hat unterschiedlichste Fälle aus sechs Jahren Tatortreinigung, Schädlingsbekämpfung, zwanzig Jahren Rettungsassistenz und einem knappen Vierteljahrhundert Feuerwehr zusammengetragen. Selbst aufgeschrieben hat er sie vermutlich nicht – dazu ist der Stil zu professionell und zeugt von großer Schreibroutine; zwei Fähigkeiten, die in einem solchen Gewerbe wohl eher nachrangig gepflegt werden.
Der professionelle Schreibstil nervt jedoch. An vielen Stellen geriert sich der Autor wie bei der Endrunde im Pointen-Wettkampf. Verbale Kraftmeiereien und das konsequente Hinschreiben auf den Schlusssatz (wahlweise bewertend oder zynisch, selten sachlich) garantieren zwar Aufmerksamkeit und medialen Niederschlag, werden aber dem Thema und der Sensibilität, die vonnöten wäre, oft nicht gerecht. Auch nicht den Schicksalen, die dahinterstecken, den Abgründen, die teilweise nur zu erahnen sind. Zu den Augen auf dem Titel scheinen sie auch nicht so recht zu passen, selbst wenn der Autor an einigen Stellen durchaus ehrlich und vergleichsweise zart über die Motive spricht, die ihn bei seinem Job beflügeln. Aber vielleicht sind sie das verbale Handwerkszeug eines Tatortreinigers, um das Unaussprechliche, das der Beruf mit sich bringt, wenigstens irgendwie zu benennen?


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