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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 11:39

Diarmuid Jeffreys: Weltkonzern und Kriegskartell

22.07.2011

Hitler zu Diensten

Der britische Journalist Diarmuid Jeffreys, ein ausgewiesener Kenner der deutschen Wirtschaftsgeschichte, analysiert in seiner jüngst erschienen Studie Weltkonzern und Kriegskartell. Das zerstörerische Werk der IG Farben die verhängnisvolle Verbindung zwischen dem NS-Regime und dem Chemie-Großkonzern IG Farben. Aber nicht nur das: Die Geschichte der IG Farben und seiner einzelnen Unternehmen stellt der Autor von den Anfängen in der Mitte des 19. Jahrhunderts dar, um den Bogen bis zu den Nürnberger Prozessen zu schlagen. Von JULIA MÜLLER

 

In seinem neuesten Buch behandelt Diarmuid Jeffreys nicht nur die Geschichte eines großen unternehmerischen Erfolges, sondern zugleich die eines bemerkenswerten moralischen Niedergangs: Wie konnte die IG Farben so tief fallen, dass sie von einem international unangefochtenen Chemie-Giganten zu einem Kollaborateur des Nazi-Regimes wurde und an der Vernichtungsmaschinerie der Nazis wissentlichen und aktiven Anteil hatte? In insgesamt 17 umfangreichen Teilkapiteln begibt sich Jeffreys auf Spurensuche und beleuchtet die Entwicklungsgeschichte der deutschen chemischen Industrie.

 

Der Prolog versetzt den Leser in den August des Jahres 1947, als 23 Angeklagte, führende Angestellte der IG Farben, sich in den Nürnberger Prozessen verantworten müssen. Die Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft lauten auf wissentliches Ermöglichen von Hitlers Vernichtungsmaschinerie und Ausbeutung von Zwangsarbeitern in Fabriken der IG Farben. Gleich hier macht der Autor seine Motivation für diese Studie deutlich, denn laut Jeffreys: »gibt es immer noch Facetten der NS-Geschichte, die vernachlässigt, vertuscht oder verzerrt worden sind. Die IG Farben ist eine solche.«

 

Seine Spurensuche beginnt Jeffreys bei den ersten Anfängen. Die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte der deutschen chemischen Industrie begann eher zufällig, erläutert er im ersten Kapitel: nämlich mit der Entdeckung von synthetischen Farbstoffen Mitte des 19. Jahrhunderts. In kurzer Zeit ergänzten Medikamente wie Aspirin, Kunstdünger, Sprengstoffe und Giftgase die Produktpalette. Doch der Friedensvertrag von Versailles und der damit verbundene Verlust von Patenten, die politisch unsichere Lage sowie die Hyperinflation veränderten auch die bis zum Ersten Weltkrieg durchweg positive Erfolgsbilanz der chemischen Industrie. Die einzelnen Unternehmen sahen erstmals Chancen in einer institutionalisierten Zusammenarbeit.

 

Erfolg dank Führungspersönlichkeiten

Wichtigster Initiator für die Gründung der Interessengemeinschaft Farben AG, kurz IG Farben, waren die Chemiker Carl Duisberg und Carl Bosch, ihres Zeichens Vorstandsvorsitzende von Bayer und Hoechst, die ihre Industriesparte in wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Hinsicht entscheidend prägten. Vor allem der Person Duisberg bringt Jeffreys eine für eine wissenschaftliche Studie etwas überraschende, nachgerade unverhohlene Bewunderung für seine Tatkraft entgegen.

 

In der IG Farben fusionierten Chemieunternehmen wie Agfa, BASF, Bayer, Griesheim, Hoechst sowie weitere kleinere Unternehmen. Durch diesen Zusammenschluss entstand das seinerzeit größte Chemieunternehmen weltweit, das den darin aufgegangen Einzelunternehmen vor allem Wettbewerbsvorteile gegenüber der ausländischen Konkurrenz verschaffen und parallel die inländische Konkurrenz eliminieren sollte. Der Zusammenschluss war jedoch keine unmittelbare Folge auf die wirtschaftliche Notlage in Deutschland in den 1920er Jahren, diese Pläne wurden bereits während des Ersten Weltkriegs zwischen den Vorstandsvorsitzenden der Einzelunternehmen erörtert.

 

Zyklon B und Zwangsarbeiter

Den Aufstieg Hitlers und der NSDAP unterstützte die IG Farben großzügig mit Parteispenden, durchaus im Bewusstsein dessen, dass eine politische Führungsrolle Deutschlands im internationalen Staatensystem den wirtschaftlichen Interessen der IG Farben nützlich sein könnte. Für die Parteispenden revanchierte sich die NSDAP mit der Abnahme der gesamten Produktionsmenge von synthetischem Treibstoff aus dem Werk in Leuna: Der sogenannte »Benzinvertrag« wurde im Dezember 1933 unterzeichnet. »Ab diesem Zeitpunkt war das Schicksal der IG Farben untrennbar mit dem des Dritten Reiches verknüpft«, erläutert Jeffreys die Bedeutung dieses Vertrags. »Die Zukunft war noch nicht erkennbar, aber das Kartell hatte sich praktisch verpflichtet, Hitler mit den Mitteln zu versorgen, um den schlimmsten bewaffneten Konflikt in der Menschheitsgeschichte vom Zaun zu brechen.«

Die Verstrickung von wirtschaftlichen und politischen Interessen – Jeffreys nennt es den »faustischen Pakt« – nahm freilich noch größeres Ausmaß an: Im Jahr 1941 errichtete die IG Farben in Auschwitz eine Produktionsstätte für Buna, synthetischen Gummi. Die Zwangsarbeiter in diesem Werk überlebten die dortigen Bedingungen meist nicht länger als drei Monate. Wenn doch, wurden sie in Auschwitz vergast, wofür die IG Farben das Giftgas Zyklon B lieferte. Insgesamt 200.000 Opfer forderte das Bunawerk.

 

Milde Urteile, keine Entschuldigung

Entsprechend der Opferzahlen des Bunawerks lautete die Anklage in den Nürnberger Prozessen auf Versklavung und Massenmord. Doch die Urteile fielen milde aus, und die meisten der Angeklagten fanden bereits wieder im Jahr 1951 in das zivile Leben und auch in alte Karrierepositionen zurück. Die IG Farben wurde zerschlagen. Bayer, BASF sowie Hoechst leisteten zwar Reparationszahlungen an die ehemaligen Zwangsarbeiter, doch eine offizielle Entschuldigung ist bis heute ausgeblieben.

Der Epilog schließt an den Anfang des Buches an, da für den Autor die Klärung der Schuldfrage relevant ist. Er kommt zu der resignierten Erkenntnis, dass wohl noch nicht einmal eine Einsicht der Verantwortlichen der IG Farben in ihre Taten stattgefunden haben wird: »Keiner der ehemaligen IG-Farben-Angeklagten scheint unter den in Nürnberg oder in Landsberg gemachten Erfahrungen körperlich oder finanziell gelitten zu haben. Und keiner von ihnen äußerte jemals ein öffentliches Wort der Entschuldigung …«

 

Merkwürdig isolierte Informationsfülle

Jeffreys Buch überzeugt einerseits durch seine Informationsfülle, rund 700 Seiten sind für einen einzelnen Autor eine beachtliche Leistung, zumal er auf intensive Archivarbeit nicht verzichtet hat. Zahlreiche Zitate von Zeitzeugen machen das Thema für den Leser anschaulich. Die gewählte Perspektive, nämlich die gesamte Entwicklungsgeschichte der chemischen Industrie von ihren Anfängen an darzustellen, legt überdies deutlich zutage, dass diese bereits im Ersten Weltkrieg durch die tödlichen Giftgasangriffe auf Initiative des Chemikers Fritz Haber auf fatale Weise mit dem Kaiserreich verbunden war.

So gelingt es dem Autor, die Beweggründe der Führungskräfte der IG Farben, mit dem Hitler-Regime zusammenzuarbeiten, in ihrer Gesamtheit und im geschichtlichen Zusammenhang zu analysieren: Von wissenschaftlichem Interesse und Ehrgeiz, Patriotismus und schlichter Profitgier hin zu ideologischer Verblendung und aktiver Unterstützung des Nazi-Regimes reichen die Motive. Die todbringende Verstrickung zwischen wirtschaftlichen und politischen Interessen wird so deutlicher, als wenn Jeffreys lediglich die zeitliche Dimension des Dritten Reiches abgearbeitet hätte.

Trotz der offensichtlichen Vorteile dieser weit ausholenden chronologischen Perspektive würde allerdings eine ausschließliche Fokussierung auf die Zeit des Ersten Weltkriegs, die wirtschaftlichen Probleme der Weimarer Republik sowie auf das Dritte Reich die Stringenz der Studie erhöhen. Der Leser wird durch die schiere Informationsfülle der Kapitel, die die Zeit des Kaiserreichs behandeln, förmlich erschlagen. Nützlich wären in diesem Zusammenhang einige Anmerkungen zum Forschungsstand der Zusammenarbeit zwischen NS-Regime und Wirtschaft über den Endnotenapparat hinaus sowie vergleichende Bemerkungen zu weiteren Studien, die sich anderen Großunternehmen der deutschen Industrie und dem Dritten Reich widmen. Da dies ausbleibt, steht Jeffreys Studie merkwürdig isoliert, was besonders in Anbetracht deren Quantität verwundert. Diese Schwächen mögen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Jeffreys Buch eine Forschungslücke füllt, hat sich die historische Forschung bislang doch meist an den deutschen Großunternehmen Flick, Krupp oder Siemens und deren Beziehungen zum NS-Regime abgearbeitet und der IG Farben eher wenig Beachtung geschenkt.

 



 

 

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