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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 11:39

Rupert Neudeck: Das unheilige Land

01.07.2011

Betroffenheit und Einsicht

Reisen nach Israel können die verschiedensten Eindrücke hinterlassen. Rupert Neudeck, bei uns vor allem als höchst verdienstvoller Gründer des Komitees Cap Anamur für vietnamesische Bootsflüchtlinge und der weltweit agierenden Aufbauorganisation »Grünhelme« bekannt geworden, ist seit 1982 viele Male dorthin und in die Palästinensergebiete gefahren. Seine lange und schmerzhafte Auseinandersetzung mit dem, was er dort sah, beschreibt er in Das unheilige Land. Brennpunkt Naher Osten. Warum der Friede verhindert wird. Von PETER BLASTENBREI

 

Den unmittelbaren Anlass zur Veröffentlichung gab die Drohung der israelischen Besatzungsbehörden, das gerade entstehende internationale Begegnungszentrum der »Grünhelme« bei Bethlehem zu zerstören, weil umliegende zionistische Siedlungen das Land, Besitz eines arabischen Christen, beanspruchen. Um herauszufinden, warum Israel und die Siedler so ganz offensichtlich keinen Frieden, keine Verständigung mit den Palästinensern wollen, ist der Autor bis zur Gründung des Staates Israel zurückgegangen. Dabei hat er Tatsachen ans Licht befördert, die ansonsten meist nur unter Spezialisten bekannt sind, so die atomare Aufrüstung Israels durch Frankreich seit 1953 oder frühe Pläne, geflohene Palästinenser außerhalb ihrer Heimat anzusiedeln, darunter mindestens ein ernsthaftes Angebot eines syrischen Präsidenten zur Ansiedlung gegen finanzielle Hilfen.

 

Lange verweilt er bei der völlig unhaltbaren Menschenrechtssituation in den besetzten Gebieten und ganz besonders in Gaza und den schrecklichen Alltagserfahrungen der Menschen dort, die weit über die blasse Formel von völkerrechtswidriger Besetzung und Besiedlung hinausgehen. Aber er thematisiert nicht nur die zahlreichen Kriege und gewaltsamen Übergriffe Israels. Er verweilt auch lange und ausführlich beim »anderen Israel«, bei der israelischen Friedensbewegung heute und ihren Vorgängerinnen seit den 20er Jahren, dem Brit Schalom und dem Ichud-Kreis um Martin Buber, dem Neudecks ganze Bewunderung gilt. Neudeck hat viel von der Teilrevision der israelischen Geschichte profitiert, die die Schule der sogenannten Neuen Historiker in Israel in den letzten Jahrzehnten geleistet hat.

 

Der gute Mensch und die böse Geschichte

Doch irgendwo hat der Autor dann angesichts des komplexesten internationalen Problems, das es derzeit gibt, den Faden verloren. Bei den Ausschnitten aus der israelischen Geschichte handelt es sich tatsächlich um Ausschnitte, die nicht organisch verbunden sind, sodass sich etwa eine Art Geschichte des Verhältnisses Juden-Palästinenser, Israel und seine Nachbarn oder eine Geschichte des zionistischen Expansionismus ergäbe. Die Geschichte und die Ziele der palästinensischen Nationalbewegung, die ja nun keineswegs erst mit der PLO-Gründung oder den Oslo-Verträgen begonnen hat, sind ihm völlig fremd.

 

Leider pflanzt sich so beiläufig auch eine Reihe längst ad acta gelegter Nahost-Fabeln weiter fort. An eine politische »Unschuld« Israels vor 1967 glaubt heute ernsthaft niemand mehr – schon die von Neudeck selbst angeführte Suez-Aggression und das Massaker von Kafr Kassem 1956 sprechen dagegen. Auch die von den frühen zionistischen Siedlern »zum Blühen gebrachte Wüste« hat sich schon lange als fairy tale from nowhere land entpuppt. Sehr problematisch ist auch die Darstellung Ägyptens als angeblichem Förderer von Terroristen in den 50er Jahren vom Gaza-Streifen aus oder die Rolle des Landes im Vorfeld des Krieges von 1967.

 

Neudeck arbeitet sich vor diesem Hintergrund mühevoll, aber vergeblich an der Frage des palästinensischen Terrors ab. Gibt es auch israelischen Staatsterror? Was sind »sogenannte Widerstandsaktionen«? Was ist der Unterschied zwischen Widerstand und Terror im Kontext von Palästina-Israel und löst hier Terror Repression aus oder umgekehrt? All diese Fragen werden offen oder implizit aufgeworfen und bleiben durchweg unbeantwortet. Entsprechend negativ fällt auch das Urteil über die Hamas in Gaza aus.

 

Ein leidenschaftliches Plädoyer

Neudeck hat ein sehr persönliches Buch geschrieben, ein Buch, das es sich nicht leicht macht und das wegen seiner ehrlichen Betroffenheit sympathisch berührt. Dennoch ist die Lektüre des Buches leider alles andere als einfach. Neudecks Stil ist in starkem Maß assoziativ und springt ständig thematisch und chronologisch hin und her. Harte Fakten stehen unvermittelt neben sehr persönlichen Einschätzungen, einiges wiederholt sich, anderes widerspricht sich gar auf wenigen Seiten.

 

Neudeck hat ein leidenschaftliches, an vielen Stellen geradezu verzweifeltes Plädoyer zum Umdenken geschrieben, zum Abbau von Vorurteilen, zu Frieden und Versöhnung – ein Plädoyer, das sich zuerst an Israel als der wirklich übermächtigen Konfliktpartei richtet. Das ist alles richtig und bewegend. Das Buch bleibt allerdings bei allem guten Willen genau hier stecken. Ein wenig erinnert das dann an Brechts Guten Menschen oder Buñuels Pater Nazarin.

 

Denn die Frage, warum der Friede in Palästina weiter verhindert wird, lässt sich eben nicht beantworten, ohne sich der Frage nach den Interessen aller Mitspieler zu stellen und auch der harten Wahrheit, dass sich Europa, die USA und die gegenwärtige Führung in Jerusalem vielleicht gar nicht so uneinig sind.

 

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